AKADEMISCHE GESELLSCHAFT FÜR DEUTSCHBALTISCHE KULTUR IN TARTU (AGDK): GRÜNDUNG UND TÄTIGKEIT
Dr. Villu Tamul
Stellvertretender Vorsitzender der AGDK
Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Estland genug Menschen, die in ihrer Berufsarbeit oder bei ihren Hobbys mit dem deutschbaltischen Problemkreis in Berührung kamen. Daraus ergab sich, daß die Interessenten für deutschbaltische Problematik sich ziemlich schnell zueinander fanden, als die Situation im Land sich zu lockern begann. Der Gedanke, eine eigene Organisation zu gründen, konkretisierte sich Ende 1988 gleichzeitig in Tallinn und Tartu. Am 11. Januar 1989 versammelten sich etwa 60 Menschen und gründeten die Akademische Gesellschaft für Deutschbaltische Kultur in Tartu.
Dank der Universität waren hier entsprechend interessierte Personen zahlreicher vorhanden als anderswo in Estland, unter ihnen Fachleute ganz verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen: Philologen, Historiker, Juristen, Ärzte, Chemiker, Physiker, Astronomen und andere Naturwissenschaftler. Auch die akademische Bildungsskala war voll vertreten: vom Gymnasiallehrer bis zum Universitätsprofessor.
Die Akademische Gesellschaft für Deutschbaltische Kultur hat ordentliche und fördernde Mitglieder. Der letzten Gruppe gehören hauptsächlich Deutschbalten an, die nicht in Estland leben. Das hindert sie meistens, an der laufenden Arbeit der Gesellschaft teilzunehmen, aber sie unterstützen die Gesellschaft sowohl moralisch und finanziell. Die allgemeine, zahlenmäßige Wachstumsdynamik der Mitgliedschaft wird aus der folgenden Tabelle ersichtlich.
1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995
Ordentliche Mitglieder 67 78 83 75 78 78 71
Fördernde Mitglieder 6 10 11 11 16 19 20
Gesamtzahl 73 88 94 86 94 97 91
Die laufende Arbeit der Gesellschaft wird vom Vorstand geleitet. In den ersten drei Jahren fungierte der Geschichtsprofessor Helmut Piirimäe als Vorsitzender, 1992 übernahm der Astronom Dr. Heino Eelsalu diese Funktion, 1993 ist der Wissenschaftshistoriker Dr. Toivo Meikar zum Vorsitzenden gewählt worden.
Die Gesellschaft hat ihre statutenmäßigen Aufgaben bisher vor allem in akademischer Form erfüllt. Einen wesentlichen Teil der geleisteten Arbeit bildeten Sitzungen, in denen Referate vorgetragen wurden. Auf Initiative der Gesellschaft und unter ihrer Mitwirkung sind vier wissenschaftliche Konferenzen durchgeführt worden. Zuerst fand am 19. Mai 1989 eine Tagung zusammen mit dem Lehrstuhl für Journalistik der Universität Tartu anläßlich des 300. Gründungsjahrestages der "Revalischen Post–Zeitung" statt. Es wurden 13 Referate gehalten, vor allem zur Geschichte der Journalistik, aber auch zu anderen Problemen der deutschbaltischen Kultur und Geschichte.
Am 8. September desselben Jahres feierte man den 125. Jahrestag der Geburt des weltberühmten Zoologen Jakob von Uexküll. In einer gemeinsamen Konferenz mit dem Institut für Zoologie und Botanik wurden sechs Referate vorgetragen, und am 9. September wurde ein Ausflug auf das Uexküllsche Gut in Pucht/Puhtu organisiert.
Anläßlich des 200. Jahrestages der Gründung der Livländischen Gemeinnützigen u. Ökonomischen Sozietät am 25. September 1992 wurde eine wissenschaftliche Konferenz mit zehn Referaten durchgeführt. Das Museum für Geschichte der Universität Tartu hatte zu diesem Tag eine öffentliche zugängliche Ausstellung über die Tätigkeit der Sozietät zusammengestellt.
Zwei Jahre später, vom 15.–17. September 1994, fand in Zusammenarbeit mit der Abteilung für Geschichte der Philosophischen Fakultät der Universität Tartu, der Gesellschaft für Deutschbaltische Kultur in Estland (Tallinn), der Graf–Friedrich–Berg–Stiftung und dem Deutschen Kulturinstitut die Konferenz "Historie und Historiker" statt, die dem Feldmarschall Friedrich Rembert Graf von Berg (1794–1874) und Professor Georg von Rauch (1904–1991) gewidmet war.
Aus der Thematik der sowohl in den Arbeitssitzungen als auch auf den Konferenzen vorgetragenen Referate wird ersichtlich, daß die Forschungsarbeit relativ breit angelegt ist und viele traditionelle Wissensgebiete unter verschiedenen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens umfaßt. An den Veranstaltungen der Gesellschaft für Deutschbaltische Kultur haben immer Gäste von auswärts teilgenommen. Viele Deutschbalten und Interessenten für ihre Kultur, die Tartu besuchten, haben Kontakt mit Vertretern der Gesellschaft und mit dem Vorstand aufgenommen. Lebhaftes Interesse für die Tätigkeit der Gesellschaft hat Henning von Wistinghausen, der damalige Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Estland, gezeigt. Wir hatten die Ehre, ihn in der Jahresversammlung der Gesellschaft 1992 begrüßen zu dürfen. In der zweiten Hälfte des Jahres 1992 kam es dank dem Beistand der Botschaft der BRD und der Stadtmunizipalität zur Gründung des Deutschen Kulturinstituts in Tartu. Das Institut basiert auf deutschfreundlichen und deutsche Kultur pflegenden Gesellschaften. Das Institut wird von einem Rat geleitet, dem auch ein Vertreter der AGDK angehört. Oft werden im Haus des Deutschen Kulturinstituts auch Veranstaltungen der AGDK durchgeführt.
Die mehr als fünfjährige Tätigkeit der AGDK hat bewiesen, daß das Interesse an deutschbaltischer Thematik und an dem von den Deutschbalten Geleisteten im heutigen Estland und insbesondere in Tartu recht rege ist.