ÜBER DIE ERFORSCHUNG DES FORSTLICHEN ERBES
BALTHASAR FREIHERRN VON CAMPENHAUSEN
Toivo Meikar
1995 jährte sich zum 250. Mal die Geburt Balthasar von Campenhausen (1745–1800), der bei der Organisation der Forstwirtschaft in Livland als Schlüsselfigur im letzten Viertel des XVIII. Jahrhunderts galt.
So fand am 18./19. April im Rahmen der Frühlings–Waldwoche auf Ösel/Saaremaa eine dem 200–jährigen Jubiläum der estnischen Forsteinrichtung und dem Wirken Campenhausens gewidmete Konferenz statt. Vom 13.–15. September fanden die Campenhausen–Tage in Ösel statt, denen am 12. September in Tartu eine von der Akademischen Gesellschaft für Deutschbaltische Kultur organisierte wissenschaftliche Konferenz voranging.
Die besondere Rolle Campenhausens auf Ösel war gerade seinen Zeitgenossen unverkennbar. Im 19. Jahrhundert erschienen sogar einige wesentliche Artikel, dann jedoch geriet Campenhausen in Vergessenheit. Doch blieben die Letztgenannten als ein schicksalsbedingtes Paradox den Forstwissenschaftlern dieses Jahrhunderts unbekannt, die Vertreter anderer Wissenschaftsgebieten ließen sie aber außer acht. So geschah es, daß zum Entdecker Campenhausens der estnische Forstwissenschaftler Prof. Andres Mathiesen wurde und die Entdeckungsfreude bis heute hinreicht.
Zum ersten Mal behandelte Johann Wilhelm Ludwig Luce die Rolle Campenhausens in seinem Buch "Beschreibung der wohlthätigen Anstalten in der Provinz Oesel", in dem er nebenbei die in dem Jahresbericht 1797 von Campenhausen erstellte Zusammenfassung der Sworbeschen Forsteinrichtung veröffentlichte und diese positiv einschätzte (Luce, 1815:78–86; EHA, B. 311, V. 1, M. 100, Bl. 14–15).
Prof. Carl Ferdinand von Hueck wies in seinem Buch "Darstellung der landwirtschaftlichen Verhältnisse in Esth-, Liv- und Kurland" auf die Forsteinrichtung in Lezenhof vom Jahr 1788 hin (Hueck, 1845:317) und hielt sie für die erste Forsteinrichtung im Baltikum, obwohl vom selben Jahr 1788 Nachrichten über eine elementare Forsteinrichtung in Nordlivland, nämlich auf den Gütern Palloper/Palupere, Teilitz/Tõlliste und Uniküll/Uniküla stammen (Meikar, 1988:16–18).
Der Forstwissenschaftler Wilhelm Knersch erstellte 1899 eine kurze Abhandlung von der Forsteinrichtung zu Lenzenhof und Orellen und der Bewirtschaftung hiesiger Wälder (Knersch, 1899:380). Bereits 1878 bewertete Jegor Julius von Sivers in einer kurzen Übersicht über die forstliche Literatur der Baltischen Gouvernements die Forstinstruktion von Campenhausen aus dem Jahre 1783 für eine Spitzenleistung seiner Zeit (Baltische..., 1878:29–630).
Wahrscheinlich ist sowohl den deutschbaltischen als später erstaunlicherweise auch den estnischen Forstwissenschaftlern der russische Artikel des Gehilfen des Forstmeisters (sog. Forstkontuktor) zu Arensburg/Kuressaare in den Jahren 1883–1890, Christoph Fichtenberg, in der Zeitschrift "Ëåñíîé Æóðíàë" ganz unbekannt geblieben, in dem er sehr eingehend originelle Materialien der Sworbeschen Forsteinrichtung referiert und eine kurze Übersicht über die spätere Bewirtschaftung des Reviers gibt (Fichtenberg, 1888:766–773). Obgleich Fichtenberg keine Waldpläne zur Verfügung hatte, wodurch die Abgrenzung der Jahresschläge unklar blieb, gibt sein Artikel ein ziemlich adäquates Bild von der wirklichen Forsteinrichtung. Es bleibt aber unklar, warum dieser Artikel den estnischen Forstwissenschaftlern entging, obwohl in der Bibliothek der Forstabteilung der Universität Dorpat die obengenannte Zeitschrift vorhanden war. Vielleicht wurde das durch den deutschen Namen des Objekts verursacht, der unentschlüsselt blieb. Jedenfalls hat es Mißverständnisse durch die falsche Dechiffrierung der Ortsnamen gegeben. Zum Beispiel veröffentlichte der Forstwissenschaftler Bernhard Tuiskvere eine Kurznachricht von einer elementaren Forsteinrichtung im Gute Teilitz 1795 (Tiismann, 1928:135). Tatsächlich hatte es sie aber im Gute Köllitz/Krootuse gegeben. Solche Verwirrungen gibt es sogar bis heute. Was Fichtenberg betrifft, so wurde er von dem obengenannten Buch Luces veranlaßt, das Archiv der Revisions- und Regulierungskomission durchzuarbeiten.
Im Jahr 1924 veröffentlichte Mathiesen in der estnischen Übersetzung die "Forst–Instruktion für sämtliche publique Wald–Förster des Herzogtums Liefland und der Province Oesel", die der Direktor für Generalökonomie, Campenhausen, am 26. November 1782 unterschrieben hatte und die am 24. April 1783 als Patent des Generalgouverneurs herausgegeben wurde. Dem Artikel wurde eine kurze Übersicht über die Lage des Wälder in der letzten Hälfte des XVIII. Jahrhunderts hinzugefügt (Mathiesen, 1924). Welche praktische Bedeutung diese Instruktion hatte, blieb für die zeitgenössischen Forscher unklar. In der Behandlung der Geschichte der Forsteinrichtung stellte Mathiesen fest, daß uns die in dieser Instruktion enthaltenen Angaben über die Verwirklichung der Forsteinrichtung fehlen (Mathiesen, 1935:401). Etwas später meinte er, daß die älteste bekannte Forsteinrichtung in Estland erst aus dem Jahre 1844 stammt (Mathiesen, 1936:367). Dieser Stadtpunkt galt unter den estnischen Forstwissenschaftlern viele Jahrzehnte auch in der Nachkriegsperiode. Etwas Neues hatte man über die forstwirtschaftliche Tätigkeit Campenhausens auch nicht geschrieben, außer den analysierenden Abhandlungen von Ivar Etverk über die Forstinstruktion vom Jahre 1783, wobei er bisher unbeachteten Zusammenhänge und neue Ideen darüber referierte (Etverk, 1982:73–78).
Zuerst ließen auch Historiker die forstwirtschaftliche Tätigkeit Campenhausens unbeachtet. Zum Beispiel wurden in der eingehenden Untersuchung von Evald Blumfeld über Revisions- und Regulierungsarbeiten in Ösel die großen Verdienste Campenhausens auf diesem Gebiet herausgestellt, nicht aber seine Rolle als eigentlicher Organisator der praktischen Forstwirtschaft (Blumfeldt, 1938:87–102).
Doch waren es eben die Historiker, die in der Nachkriegsperiode, obwohl zufällig, auf die Tatsache hingewiesen haben, daß während der Zeit Campenhausens in den Sworbeschen Wäldern etwas geschah. Zum ersten Mal wies Otto Karma in seinem Werk, in dem er die Entwicklung der Bodenverbesserung behandelte (Karma, 1959:10–11), und in einer kurzen Übersicht über die Entwicklung der Forstwirtschaft (Karma, 1968:76) darauf hin. Auch Karin Lippus, die die Lage der Wälder im XVII.–XVIII. Jahrhundert studierte, lenkte die Aufmerksamkeit auf diesbezügliche Arbeiten (Lippus, 1983:235).
Diese Hinweise und die konkreten Arbeiten von Luce und Fichtenberg veranlaßten, der Verfasser sich eingehender in dieses Problem zu vertiefen. Das führte zur Veröffentlichung und kurzen Schilderung der Quellenschriften der Sworbeschen Forsteinrichtung (Meikar, 1985:742–745) /EHA, B. 311, V. 1, M. 1025, Bl. 34–62; B. 308, V. 6, M. 79, 411; B. 2072, V. 3, M. 32/. Später sind in Estland noch einige weniger bedeutende Artikel über Campenhausens Persönlichkeit und seine forstwirtschaftliche Tätigkeit erschienen.
Eine ganz neue und unerwartete Tatsache in der forstwirtschaftlichen Tätigkeit von Campenhausen veröffentlichte der Zögling der Forstabteilung der Universität Dorpat Johannes Heinz Precht, der im Familienarchiv von Campenhausen im Herder–Institut die Handschrift "Vorschläge des Herrn Landrath Baron Campenhausen sämmtliche Waldungen forstmäßig einzurichten, Orellen, den 4ten July 1778" entdeckte. Das war die erste bekannte Zusammenfassung der forstlichen Ansichten eines 32jährigen Mannes, der neulich in die Heimat zurückgekehrt war, und bildete eine Vorbereitung für die spätere Forstinstruktion (Precht, 1988:267–276). Neue Möglichkeiten zur Analyse der forstwirtschaftlichen Tätigkeit Campenhausens im Zusammenhang mit den Ereignissen in Nord–Deutschland und Dänemark bietet das Buch von Hubertus Neuschäffer (Neuschäffer, 1991:46–67).
So hat hauptsächlich das letzte Jahrzehnt viel Neues zur Auslegung der konkreten Tätigkeit Campenhausens gegeben. Aber es gibt noch viel Unklares. So weist Precht auf einen Brief Campenhausens von irgendeiner und bisher unbekannten forstlichen Anordnung und ihrer baldigen Veröffentlichung (Precht, 1988:276). Tatsächlich ist auch die Rolle Campenhausens bei der Gestaltung der russischen forstlichen Gesetzgebung, besonders aber bei der Verfassung der kodifizierten Ausgabe des Forstgesetzes von 1802 nicht festgestellt. Da er in seinen letzten Lebensjahren Senator und "Mitglied der Commission zur Anfertigung der Reichs–Gesetze" war, sollte er sich an dieser Arbeit beteiligen, doch erste Untersuchungen in dem Historischen Archiv von St. Petersburg waren bislang erfolgos. Gewiß enthält aber das Familienarchiv von Campenhausen viel Neues. Um die Möglichkeiten desselben zu beurteilen, braucht man nur das höchst interessante Buch von Siegfrid von Vegesack (1981) zu lesen.
Doch haben die Forschungen des letzten Jahrhunderts es ermöglicht, den Prozeß der Entstehung der Forstwirtschaft im Baltikum und die Rolle Campenhausens dabei besser zu verstehen. Eine praktische Bedeutung hat auch das, daß unsere Studenten der Forstwissenschaft jetzt gründlichere Geschichtskenntnisse aus dem XVIII. Jahrhundert erhalten können und sich nicht nur auf die Forstinstruktion vom Jahre 1783 beschränken müssen. Hoffentlich werden bald auch die Quellenschriften der Sworbeschen Forsteinrichtung publiziert.
Literatur
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Hueck, A. F. Darstellung der landwirtschaftlichen Verhältnise in Esth-, Liv- und Kurland. Leipzig, 1845.
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Mathiesen, A. Metsakorralduse arenemine Eestis. // Eesti Metsanduse Aastaraamat. Tartu, 1935, kd. 7, lk. 397–503.
Mathiesen, A. Metsade juurdekasv kui kõige olulisem küsimus metsakorraldustööde teostamisel. // Eesti Mets. Tallinn, 1936, nr. 11, lk. 365–368.
Meikar, T. Saaremaa – riikliku metsamajanduse häll Eestis. // Eesti Loodus. Tallinn, 1985, nr. 11, lk. 742–745.
Meikar, T. 200 aastat metsamajanduse algusest Eestis. // Mets. Puit. Paber. Tallinn, 1988, nr. 2, lk. 16–18.
Neuschäffer, H. Kleine Wald- und Forstgeschichte des Baltikums – Lettland und Estland. Bonn, 1991.
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Vegesack, S. Verfahren und Nachkommen. Aufzeichnungen aus einer altlivländischen Brieflade 1689–1887. Heilbronn, 1981.
Baltische Wochenschrift für Landwirtschaft, Gewerbefleiss und Handel. Dorpat, 1878, Jhg., 16, Nr. 40, S. 629–630.
Ôèõòåíáåðã Õ.
Óñòðîéñòâî Øâîðáñêîé ëåñíîé äàëè â 1795 ãîäó. // Ëåñíîé æóðíàë. 1888, âûï. 5, ñ. 766–773.Archivmaterialien
Estnisches Historisches Archiv (EHA)
EHA, Bestand 308, Verzeichnis 6, Mappe 79
EHA, B. 311, V. 1, M. 100
EHA B. 311, V. 1, M. 1025
EHA B. 2072, V. 3, M. 32