ÜBER DAS LEBEN UND DIE TÄTIGKEIT DER PROFESSOREN WOLDEMAR GUTMANN UND CASIMIR CARL EDUARD VON RAUPACH

Enn Ernits und Endel Aaver

Mehrere deutschbaltische Gelehrte, Künstler, Dichter, Schriftsteller und Musiker gelten in Europa und der ganzen Welt als führende Repräsentanten auf ihr Fachgebiete. Ihre Namen sind bis heute ein Begriff in Wissenschaft oder Kunst geblieben. Wenn jedoch in den letzten Jahrzehnten in ihrem Heimatland überhaupt von ihnen gesprochen wurde, dann lediglich als Vertreter der "glorreichen russischen Nation".

So geschah es auch mit den veterinärmedizinisch arbeitenden Professoren Woldemar Gutmann und Casimir Carl Eduard von Raupach, deren Namen eng mit der Stadt Dorpat/Tartu verbunden sind. Erst jetzt ist es wieder möglich, die Verdienste der beiden hervorragenden Wissenschaftler einzuschätzen. Erst jetzt sind sie wieder Menschen mit eigener Nationalität und mit eigenem Heimatland geworden, Personen, deren Arbeit wir auch heutzutage noch anerkennen.

Woldemar Gutmann wurde am 12. Dezember 1851 in Dorpat geboren und studierte von 1868–1872 Veterinärmedizin an der Dorpater Veterinärschule. Auf Empfehlung des damaligen Direktors der Schule, Peter Jessen, wurde Gutmann die Stelle eines klinischen Assistenten angeboten. Seit 1876 war er Dozent und verteidigte 1879 seine Magisterdissertation, die sich mit septischen Prozessen bei Verwundeten beschäftigte. In den Jahren 1891–1909 und 1919–1926 fungierte Gutmann als Professor der Chirurgie, Opthalmologie und Geburtshilfe, während er von 1909 bis 1918 und von 1926 bis 1918 einen Lehrauftrag übernahm. Bis 1909 war er der Leiter der Chirurgischen Klinik und von 1916 bis 1928 der Kleintierklinik des Instituts für Veterinärmedizin. Im Jahr 1928 wurde Gutmann zum Ehrendoktor der Universität Tartu gewählt. In einer sachgemäßen Empfehlung stand:

1. Woldemar Gutmann hat wichtige wissenschaftliche Probleme so großartig gelöst, daß er oft in der europäischen Veterinärliteratur zitiert wird;

2. im Laufe von 52 Jahren hat er veterinärmedizinische Disziplinen mehr als 1500 Studenten vermittelt;

3. unter seiner Leitung wurden in der Kleintierklinik mindestens 15 000 Tiere ausgeheilt. Unter seiner Leitung wurden Dissertationen mehrerer Magisterstudenten geschrieben (Carl Happich u.a.).

Im Jahr 1891 heiratete Gutmann Elisabeth, eine der fünf Töchter von Raupachs. Der Schwiegervater Raupach war zu jener Zeit Professor und Direktor des Dorpater Veterinärinstituts. Im Jahr 1890 wandte Gutmann weltweit erstmalig Tuberkulin als diagnostisches Mittel bei Rindern an. Es wurde an drei tuberkulösen und zwei gesunden Tieren erprobt. Das von Robert Koch entwickelte Tuberkulin erwies sich als äußerst wertvoll zur Diagnose von Schwindsucht sowohl bei Rindern als auch bei anderen Haustieren. Unter Gutmanns Leitung wurden eingehendere Untersuchungen an 1058 Rindern in Alt–Kusthof/Vana–Kuuste durchgeführt. Die Kontrolle–Sektionen ergaben, daß unter Einsatz von Tuberkulin in 96% der Fälle die korrekte Diagnose gestellt worden war.

Auch in der Veterinärchirurgie machte sich Gutmann einen Namen. So führte er 1903 eine neue Methode für die Operation von Nabelbrüche ein, die bis heute angewandt wird. Außerdem vervollkommnete Gutmann die aseptische Kastration und einige andere Operationsmethoden.

Gutmann war Mitverfasser des "Handbuchs der tierärztlichen Chirurgie und Geburtshilfe", dessen erste Auflage im Jahr 1897, die zweite im Jahr 1907 erschien. Er hat mehrere Aufsätze für die Enzyklopädie der Russischen Landwirtschaft geschrieben.

Gutmann starb am 31. März 1933 in Tartu.

Von Raupach wurde am 19. August 1842 in Dorpat als Sohn eines Lektors der italienischen und deutschen Sprache an der Universität Dorpat geboren.

In den Jahren 1860–1864 studierte von Raupach Veterinärmedizin an der Dorpater Veterinärschule. Im folgenden Jahr legte er die Magisterprüfungen ab und arbeitete als Tierarzt in Turkestan, wo er im selben Jahr mit Marie Agnes Holz heiratete. 1868 wechselte von Raupach an die Junkerschule in Orenburg, wo er als Tierarzt tätig war. Von 1870 bis 1876 arbeitete er zusammen mit seinem älteren Bruder Maximilian als Tierarzt auf dem Gut Karlowka der Großfürstin Helene Pavlowa im Poltawschen Gouvernement in Südrußland.

Im Jahr 1874 promovierte von Raupach in Dorpat. Gegenstand seiner Dissertation waren die Ergebnisse eines im Jahr zuvor von einer Kommission durchgeführten Versuchs, 50 vakzinierte Tiere künstlich mit der Rinderpest zu infizieren.

Im Lauf seines Lebens veröffentlichte er zwölf Schriften, darunter drei Aufsätze über die Schafzucht und Schafskrankheiten, einige weitere über infektiöse Tierkrankheiten (Rotz, Milzbrand) und eine Broschüre mit Vorschlägen zur Reformierung des Dorpater Veterinärinstituts. Seine eigentlichen Stärken lagen weniger auf wissenschaftlichem als auf organisatorischem Gebiet.

In den Jahren 1876–1882 war von Raupach außerordentlicher Professor der speziellen Pathologie und Therapie und gleichzeitig Leiter der Klinik für innere Krankenheiten am Dorpater Veterinärinstitut. Im Jahr 1882 nahm er die Stelle des Direktors des Instituts an und wurde ordentlicher Professor der speziellen Pathologie und Therapie sowie der Epizootologie. Die letztgenannte Disziplin unterrichtete von Raupach bis zum Jahr 1897. Ab 1896 hielt er Vorlesungen über das Exterieur und ab 1901 auch über die Pferdezucht. Die Bakteriologische Station des Dorpater Veterinärinstituts leitete von Raupach von 1880 bis 1895 und war deren Direktor bis 1905. Zwei Jahre später gab er seine ordentliche Professur auf, um sich in seinen Vorlesungen nur noch dem Exterieur und der Pferdezucht zu widmen.

C. v. Raupach starb am 19. Februar 1913 im Alter von 70 Jahren. Er ruht Seite an Seite mit seinem Schwiegersohn alten Friedhof in Dorpat. Beide Gelehrten waren hervorragende Wissenschaftler, deren große Verdienste die Entwicklung der Veterinärmedizin prägten.