DIE PORTRÄTS DES DORPATER ASTRONOMEN JOHANN HEINRICH MÄDLER

Heino Eelsalu und Inge Kukk (Tartu), Andreas Maurer (Feldmeilen)

Johann Heinrich Mädler (geb. 1794 in Berlin – gest. 1874 in Hannover) war einer der berühmtesten Astronomen in der Mitte des XIX. Jahrhunderts. Bis 1840 wirkte Mädler in Berlin, wo er als Selenograph eine neue Epoche in der Mondforschung eingeleitet hatte. 1840–1865 war er in Dorpat als Professor für Sternkunde und Leiter der Sternwarte tätig. Mädler war ein außenordentlich produktiver Publizist und Verfasser zahlreicher allgemeinverständlicher Bücher. Seine "Populäre Astronomie" erschien sogar in acht Auflagen. Seinem Lebenslauf und seinen wissenschaftlichen Leistungen wurden bisher zwei Biographien gewidmet (Wattenberg, 1974; Eelsalu und Herrmann, 1985). Obwohl manche Dorpater Professoren von der Universität in der Nachkriegszeit mit ihren Bildnissen gewürdigt waren, blieb Mädler von dieser Auszeichnung leider ausgeschlossen, ungeachtet eines entsprechenden Vorschlages (Eelsalu, 1991). Sein 200. Geburtstag lenkte nun aber die Aufmerksamkeit der wissenschaftsgeschichtlich orientierten Öffentlichkeit erneut auf ihn.

Durch Zufall war Mädlers Festjahr gleich von zwei wichtigen Wiederentdeckungen begleitet, die der Mädler–Forschung neue Impulse verleihen könnten. Zuerst wurde das Vorhandensein eines sog. Witteschen Mondglobus im Historischen Museum am Hohen Ufer in Hannover festgestellt (Hernschier, 1994). Die Schwiegermutter von Mädler, die Hofrätin Witte, fertigte drei solcher Globen nach Mädlers Mondkarten an. Sie galten bisher als verloren. Eine uns unbekannt gebliebene Lina Günter zeichnete nach einer Fotographie ein Porträt Mädlers (halb links und mit Brille). Das Bild zeigt den Mondglobus neben Mädler auf einem Tisch stehend. Diese Zeichnung wurde als Titelbild in die 8. (postum erschienene) Auflage (Straßburg, 1885) von Mädlers "Populärer Astronomie" aufgenommen. Damit wurde dieser Globus allgemein bekannt.

Als zweite Entdeckung wurde im Zusammenhang mit einer Ausstellung im Museum für Geschichte der Universität Dorpat/Tartu ein von der Öffentlichkeit vergessenes Mädler–Bildnis aufgefunden. Die dort am 10. Februar 1994 eröffnete Ausstellung war der von Karl August Senff an der Universität gegründeten Zeichenschule gewidmet. Sie zeigte Werke aus Kunstsammlungen der Universität und dem Kunstmuseum Tartu, aus dem Staatlichen Estnischen Kunstmuseum und dem Geschichtsmuseum Tallinn sowie aus dem Lettischen Staatlichen Kunstmuseum Riga.

Unter den dem breiten Publikum nicht ausgestellten Bildern befand sich ein lithographiertes, 27,7x23,4 cm messendes Porträt Mädlers, das ihn ohne Brille zeigt. Unter dem Bild steht ein von ihm eigenhändig zugefügter aphoristischer Satz: "Unsern Vorfahren war das Denken des Fixstern–himmels ein verschlossenes Buch. Wir haben es eröffnet und das Verständnis einzelner Zeichen und Buchstaben hat soeben für uns begonnen; unsre Nachkommen werden es lesen.". Das Autograph ist kalligraphisch ausgeführt (Mädler war in seiner Jugend Schönschreiblehrer und Verfasser eines Lehrbuches für Kalligraphie).

Diese Lithographie stammt von Ernst David Schabert, einem Schüler Senffs, und trägt den Aufdruck "Mitau u. Leipzig G. A. Reyhers Verlagsbuchhandlung". Schabert stammte aus Mitau und besuchte als Philosophiestudent in Dorpat Zeichenkurse bei Senff. Danach wurde er Zeichenlehrer am Mitauer Gymnasium. Er war ein anerkannter Miniaturmaler, Lithograph und Porträtist. Später vereinigte er seine lithographische Anstalt mit einem Atelier für Daguerrotypie (Neumann, 1908).

Mädlers oben erwähntes Porträt wurde wahrscheinlich nach der Natur gezeichnet. Ohne Zweifel handelt es sich um das gleiche Bild, das im "Porträts–Catalog bearbeitet von J. Heitzmann, München 1858" als "Lith. kl. Fol." aufgeführt wird.

Über den Verleger Reyher wurde zusammenfassend in der Wochenschrift "Das Inland" (1863) berichtet. So heißt es dort, er habe u.a. vier Kunstgegenstände herausgegeben. 1846 veröffentlichte Reyher Mädlers "Astronomische Briefe" und im darauffolgenden Jahr "Die Centralsonne". Die erwähnte Mädler–Lithographie dürfte aus diesen Jahren stammen.

Das frühste bekannte Mädler–Bildnis stammt aus den 1830er Jahren. Es handelt sich um eine Kreidezeichnung (Brustbild, halb links) von Johann Joseph Schmeller, die in den Kunstsammlungen zu Weimar aufbewahrt wird. Laut Thieme und Becker (1936) war der im Jahr 1796 geborene Johann Joseph Schmeller in Weimar als Maler und Bildniszeichner tätig und starb dort im Jahr 1841.

1853 schuf der bekannte Dorpater Silhouettenschneider Dr. Johann Ernst von Panck Silhouetten sowohl von Mädler als auch seiner Gattin, der Dichterin Minna Mädler. Die beiden Bildnisse sind von Eelsalu und Herrmann (1985) mit einem Hinweis auf die Quellen wiedergegeben worden.

Es ist bekannt, daß Mädler 1857 in Berlin "dem Prof. Schramm zu einem Porträt gesessen" hatte (Das Inland, 1857). Nach U. Thieme und F. Becker (1936) handelte es sich um Johann Heinrich Schramm, der seit 1842 in Weimar als Professor an der Kunstschule tätig war.

Weiter wird im Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien eine im Jahr 1856 von Rudolf Hoffmann angefertigte und von J. Haller gedruckte Lithographie Mädlers (halb links, ohne Brille, mit einem Namenszug) aufbewahrt. Die Lithographie gehörte zur vom Wiener Verlag G. A. Lenoir herausgegebenen "Gallerie ausgezeichneter Naturforscher". Eine Abbildung dieser Lithographie befindet sich in der oben erwähnten Mädler–Biographie von D. Wattenberg. Nach Angaben der Bibliothek war R. Hoffmann in Wien zwischen 1840 und 1850 Lithograph und Miniaturmaler.

Eine weitere Anmerkung auf dem Brustbild besagt, daß es nach einer Fotographie von August Hagen in Dorpat hergestellt war. Hagen war ein Schüler von Senff und auch sein Nachfolger an der Universitäts–Zeichenschule. Hagens Tochter, Julie–Wilhelmine, wurde eine berühmte deutschbaltische Künstlerin. Sie war verheiratet mit Prof. Ludwig Schwarz, einem Schüler Mädlers und späterem Leiter der Dorpater Sternwarte.

Eine im Besitz der Photographischen Gesellschaft vorhanden gewesene Aufnahme von der Lithographie von Hoffmann figuriert in der von K. Werckmeister herausgegebenen Porträtsammlung "Das 19. Jahrhundert in Bildnissen", enthalten Bd. 4 (1900).

Ein Brustbild, das Mädler ohne Brille "viertel rechts" zeigt und mit einer 1866 datierten, rückseitigen Widmung M. Mädlers an einen Unbekannten versehen ist, wird in der Staatsbibliothek zu Berlin (Preußischer Kulturbesitz) aufbewahrt. Dieses Porträt ziert als Titelbild die 6. Auflage (1867) der "Populären Astronomie" und ist z.B. von Eelsalu und Herrmann (1985) wiedergegeben worden, die damals auch eine diesem Bild ähnliche Fotographie aus unbekannter Quelle veröffentlicht hatten.

Auch die zweitletzte, die postume 7. Auflage von Mädlers "Populärer Astronomie" (Straßburg, 1882) enthält ein Mädler–Porträt. Es handelt sich um eine Xylographie ohne nähere Angaben und zeigt Mädler ohne Brille und "halb rechts".

Den Angaben aus Wien zufolge hatte ein gewisser Ernst Hader ein Mädler–Gemälde (Brustbild, 3/4 links) angefertigt, das dort allerdings nicht vorhanden ist. In Wien ist jedoch eine sepiegetönte photographische Wiedergabe und ein Glasnegativbild einer Mädler–Lithographie (Brust, halb links) von Th. Mayerhofer vorhanden. Laut Thieme und Becker (1929 und 1930) waren Hader als Porträt- und Genremaler in Berlin und Mayerhofer als Maler und Illustrator in Wien tätig. Die nach Haders Gemälde angefertigte Photographie wurde 1884 vom Verlag Sophius Williams, Berlin–West, herausgegeben. Die sowohl von Hader als auch von Mayerhofer stammenden Bildnisse beruhen entweder auf Hagens Aufnahme oder auf Hoffmanns Steindruck.

Will man sich ein Urteil über die Naturtreue, wenigstens derjenigen Porträts, die Mädler ohne Brille zeigen, bilden, so könnte dazu die folgende Anmerkung dienen: "Die vieljährige Gewohnheit mit dem einen Auge zu observieren, ... hat ihm künstliches Schielen zur zweiten Natur gemacht" (–sz–, 1896/1913).

Es scheint so, daß uns genügend authentische Mädler–Bildnisse erhalten geblieben sind, um uns in die Lage zu versetzen, uns ein einigermaßen getreues Bild seiner Erscheinung zu machen.

Nach der Wiederentdeckung der von Schabert angefertigten Mädler–Lithographie konnte eine interessante Nachbildung auf einem "Die grossen Himmelskundigen der neuen Zeit" genannten Gruppenbild festgestellt werden. Es handelt sich um eine Illustration für Otto Spamers "Illustrirte Jugend- und Hausbibliothek" (Ney, 1872). Darauf ist Kopernikus von Tycho Brahe, Isaac Newton, sir William Herschel, Mädler, Pierre Simon de Laplace, Friedrich Wilhelm Bessel, Galileo Galilei und Johannes Keppler umringt. Mädlers Zugehörigkeit zu diesen Plejaden veranschaulicht am besten, wie hoch er von einigen zeitgenössischen Kreisen in Deutschland geachtet wurde.

Die in Dorpat vorhandenen Reproduktionen der Mädler–Bildnisse wurden auf einer von der Universitätsbibliothek veranstalteten Mädler–Ausstellung gezeigt. Am 17. Mai 1994, dem Eröffnungstag dieser Ausstellung, veranstaltete die Akademische Gesellschaft für deutschbaltische Kultur in Dorpat eine Mädler gewidmete Versammlung. Der Verfasser des im Jahr 1995 erschienenen Albums "Astronomen auf Reisen wiederentdeckt", Herr Arno Langkavel aus Löningen/Niedersachsen, hat vorgeschlagen, eine Gedenktafel für Mädler in Tartu aufzustellen, und hat die dazu benötigten Mittel der erwähnten Gesellschaft zur Verfügung gestellt.

Am ehemaligen Direktorenwohnhaus neben der alten Sternwarte in Tartu wurde am 29. V 1996 feierlich eine Gedenkentafel für Mädler enthüllt. Die Tafel stiftete Studiendirektor Arno Langkavel. Auf der Tafel ist Mädlers Silhouettenbild wiedergegeben.

Danksagungen: Die Verfasser des vorliegenden Aufsatzes danken Frau Hannelore Pflughaupt, von der Staatsbibliothek zu Berlin, Herrn Dr. Robert Kittler von Österreichische Nationalbibliothek Wien, und Prof. Dr. D. B. Herrmann von der Archenhold–Sternwarte Berlin–Treptow, für die Zustellung wertvoller Informationen.

 

 

Literatur

Eelsalu, H. The Tartu (Dorpat) Observatory – a neglected astronomical monument of the history of Tartu University. // Tartu ülikooli ajaloo küsimusi. Tartu, 1991, kd. XXV, lk. 218–221.

Eelsalu, H. und Herrmann, D. B. Johann Heinrich Mädler (1794–1874). Eine dokumentarische Biographie. Akademie–Verlag, Berlin (Mitteilungen der Archenhold–Sternwarte No 159), 1985.

Hernschier, W. Der Mondglobus der Wilhelmine Witte. Sterne und Weltraum, 1994, No 4, S. 308–309.

Neumann, W. Lexikon Baltischer Künstler. Riga, 1908, S. 134.

Ney, J. Himmel und Erde. Populäre Himmelskunde für die Jugend. Leipzig, 1872.

Thieme, U. und Becker, F. (Hrg.) Lexikon der Bildenden Künstler. 1929, 1930 und 1936, Bd. 23, 24.

Wattenberg, D. Johann Heinrich Mädler. Archenhold–Sternwarte Berlin–Treptow, Vorträge und Schriften. 1974, No 48.

Das Inland, 1857, Sp. 742.

Das Inland, 1863, Sp. 270–271.

–sz – /Erinnerungen an Alt–Neubad um das Jahr 1850. Baltische Monatsschrift. Riga, 1886, Bd. 33, 709 ff./ Hrg. F. Bienemann. Aus vergangenen Tagen. Reval, 1913.