AUS DEN BRIEFWECHSEL FRIEDRICH WILHELM REMBERT VON BERGS IN DEN JAHREN 1812–1826

Malle Salupere

Der spätere Feldmarschall Graf Friedrich Wilhelm Rembert v. Berg ist ein gutes Beispiel dafür, wie persönliche Eigenschaften und glückliche Zufälle einen ziemlich unbedeutenden livländischen Edelmann zu Macht und zu einer drei Kaisern nahestehenden Person gemacht haben.

Dies wird besonders deutlich im Vergleich mit seinen Jugendfreunden und Vettern, den Brüdern Bock, die, mit gleichen Voraussetzungen und Begabungen ein völlig entgegengesetztes Schicksal hatten. Insbesondere Tiomtheus (Timofei) von Bock, der ältere von beiden und nach von Berg ein "unglücklicher Sonderling", wurde1818 auf eigenhändigen Befehl des Kaisers vom Generalgouverneur Marquis Paulucci persönlich verhaftet und in das Gefängnis in der Festung Schlüsselburg geschickt. In der Festung war er streng isoliert, hatte aber eine unerhöht reichliche Verpflegung. Zuvor war er mit einem estnischen Bauernmädchen verheiratet, ihr Sohn sollte später kaiserlicher Admiral und Erzieher des Großfürsten werden. T. v. Bock soll übrigens ein Urenkel einer natürlichen Tochter von Peter I. gewesen sein. Jaan Kross hat 1978 diesen Stoff zu dem halbdokumentalistischen Roman "Der Verrückte des Zaren" veröffentlicht, der 1990 auch ins Deutsche übersetzt wurde.

Es scheint, daß persönliche Briefe und verschiedene zeitgenössische Schriften die besten Hilfsmittel sind konkrete Menschen und ihre Zeit kennenzulernen. Der größte Mangel der Briefe ist aber, daß wenn sie schon erhalten sind, dann in so ungeheuren Massen, daß die Durcharbeitung der Briefe viel Mühe braucht.

Im Archiv des Feldmarschalls von Berg sind einige tausende Briefe erhalten, meist an ihn geschrieben, aber auch einige hundert seiner Briefe an die Mutter. Ihre Briefe an ihn sind lückenhaft und es gibt keinen Brief vor Ende des Jahres 1817. Seine Briefe an die Mutter fangen im März 1812 an. Der Briefwechsel von Bergs ist sehr unprofessionell "restauriert" worden. Die Pagination der Mappen entspricht deren Chronologie, darunter einige Briefe anderer Personen, besonders T. v. Bock, der die Mutter seines Freundes ebenfalls als "Mutter" anredet.

Timofei v. Bock wird im deutschsprachigen Briefwechsel der Familie er immer "Timoscha" genannt, ebenso wie Berg immer "Fedinka" und seine Bediensteten – Esten aus Sagnitz/Sangaste – Petruschka, Jaschka usw. genannt wurden. Diese Namen sind russische Diminutive aus Timofei, Fedor (Mutter nennt ihn zuweilen auch "Fedorchen", aber nie Friedrich oder Fritz), Peter usw.

Im Gegensatz zu der allgemeinen Verachtung der russischen Sprache und Lebensart in den Ostseeprovinzen Rußlands gehörten die genannten Familien zu der Gruppe, die eine Militär- oder Staatslaufbahn in Rußland anstrebten, weshalb man sie sich früh die Sprache aneignete.

Wir möchten das Schicksal des künftigten Feldmarschalls seit dem Verlassen der Universität bis zur Krönung Kaisers Nikolaus I. (August 1826) verfolgen, wobei sich hoffentlich zeigen wird, daß in dieser Periode sich die Keime aller seiner späteren Taten und Errungenschaften finden lassen. Dabei werden die Briefpartner möglichst viel selbst zu Wort kommen. Die Hinweise im Text beziehen sich auf das Archiv der Familie von Berg im Estnischen Historischen Archiv (Bestand 1874, Verzeichnis 1), wobei die erste Zahl die Mappe, die zweite das entsprechende Blatt bezeichnet.

Berg verließ die Universität am 3. März 1812 (wurde exmatrikuliert ohne Zeugnis), um zusammen mit einigen Freunden zu Westgrenze Rußlands zu ziehen, wo man den baldigen Angriff Napoleons erwartete. Es scheint, daß die Mutter nicht gern einwilligte und ihn nur unter Aufsicht und auf Verantwortung des schon im Türkenkrieg abgehärteten und ausgezeichneten "Timoscha" gehen ließ. Der war um sieben Jahre älter als seine drei Protegés (auch Carl von Liljenfeld und Friedrich v. Budberg) und berichtete schon am 9. März 1812 aus Riga: "Liebe Mama! Den Tag nach unserer Abreise aus Sagnitz langten wir glücklich in Riga an. Dringende Geschäfte haben uns hier aufgehalten, vielleicht muß ich bis Dienstag bleiben. Heute Abend muß unsere Equipage mit Adam ankommen. Sie werden mit Fedinka zu frieden sein, er hat viel feines Gefühl und davon hängt alles ab. Jetzt halte ich ihn so, daß er mich noch hasse; in sechs Monaten wird er mich vielleicht lieben;" (42, 8). Am 19. März schreibt er aus Mitau, daß sie morgen nach Wilno zum General Essen aufbrechen, und weiter: "Ich wäre für Fedinka sehr besorgt, wenn er nicht so perfekt zeichnete. Ein guter Zeichner ist jedem Generale erwünscht. Eben so sähe es mit Lilienfeld übel aus, wäre er in der französischen Feder nicht so stark. Wie oft ist mir mein bißchen Klavier zustatten gekommen.

Von Fedinka kann ich Ihnen sehr gute Nachrichten geben, denn er fängt an, einzusehen, daß Heftigkeit nicht hilft, sondern schadet. Er hat mich neulich selbst gebeten ihm dafür jedesmal en fuero aimée den Kopf zu waschen. Ich liebe ihn sehr wegen seiner Offenherzigkeit und seiner Gutmütichkeit. In seinen kleinen wirtschaftlichen Besorgungen ist er musterhaft, ich habe keinen jungen Menschen mit so wenig Kniffelei und so viel Ordnung und Pünktlichkeit verfahren sehen. Ich will ihn deswegen auf den Dienst nicht zu sehr erzielt machen, denn es wäre schade, daß so viel seltene häusliche Eigenschaften verloren gingen" (42, 5).

Aus Wilno, den 31. März: "Fedinka arbeitet gut und fleißig, der General ist mit ihm zufrieden, noch ist er nicht angestellt, denn unser Ivan Nikolajewitsch will vorläufig erst mit dem Minister in Ansehung der drei jungen Herren sprechen. Alle drei bleiben bei Essens Person und wohnen jetzt und künftig bei mir. Gestern Abend langte hier der Kriegsminister an, den 4. April erwarten wir S. M. Noch ist alles ruhig" (42, 4). Am 15. Juni hat er für Berg beim General eine kurze Fahrt nach Sagnitz erwirkt und kann leider nicht selbst kommen: "Sie werden Fedinka gewachsen finden, physisch und besonders moralisch, denn ich halte ihn um 20% vernünftiger als er es vor seiner Abreise aus Dorpat war. Der General Essen ist mit ihm besonders zufrieden und hofft aus ihm einen Offizier zu machen, der ihm Ehre bringen wird" (42, 2). General Essen hat leider nur noch ein Jahr gelebt und konnte die Erfüllung seiner Worte nicht sehen.

Die ersten Briefe von Berg ergänzen und bestätigen die Berichte von T. v. Bock. So schreibt er am 6. April aus Wilno, daß er eine Karte gezeichnet hat, die dem General sehr gefiel. Er wird in militärischer Angelegenheit (geheim) auf eine Reise geschickt.

Zugleich bittet Berg, daß Wilhelm Struve ihm "die Berechnung der Winkel, die wir vorigen Sommer gebraucht haben", ausschicken möge (38, 4–5). Am 5. August teilt Berg mit: "Ich bin heute für die Auszeichnung in der letzten Affaire Offizier geworden" (33, 23) und am 21. September berichtet er, daß er schon 8 Affairen mitgemacht habe (33, 2).

Nach dem Treffen bei Dole (Dahlenkirchen am 10. August) hat General Essen Bock mit der Siegesnachricht zum Kaiser geschickt und die Aufmerksamkeit auf den jungen Offizier gelenkt. Nachdem Essen durch Paulucci ersetzt worden war, schrieb Berg am 1. November 1812 aus Riga: "Die Bestimmung eines Sekondeleutenants im Generalstab ergab sich von selbst, da ich der einzige Offizier dieses Korps hier bin. Ich bleibe hier. /.../ Wenn Timoscha noch nicht Sagnitz passiert hat, so sagen Sie ihm, daß ich kaum den Augenblick abwarten kann, in welchem ich ihn hier sehen soll – denn gewiß nimmt er seinen Weg über Riga. Ich habe ihm vieles zu sagen, sehr vieles, was ich ihm jetzt spräche, wär für ein ganzes Leben" (33, 6).

Bock war während des Krieges sehr oft als Kurier im Hauptquartier und in St. Petersburg. Am 13. Oktober war sein Vater in Riga gestorben. Am Todesbett waren F. Berg und der jüngste Sohn Karl v. Bock. Daselbst erinnert er sich auch, wie er beinahe gestorben wäre, als er im Kampf bei Eckau/Jecava Berg vom Pferde fallen sah (155. 75 – Brief von Bocks, den 19. November 1868). Damals wurde wohl das Pferd verwundet: Berg schrieb den 2. Oktober 1812 an Mutter, daß die weiße Stute im vorigen Treffen verletzt wurde (33, 4).

Im Jahr 1812 war Berg in Riga. Weiter aber ging er durch ganz Europa. Beständig spricht er von Timoscha, sehr oft ist er mit ihm zusammen. Am 3./15. Januar 1813 bittet er aus Preusch–Holland um 50 Dukaten, weil sein Geld in Königsberg in T. v. Bocks Schatulle geblieben sei und sie erst nach einem Monat wieder zusammenkommen werden (33, 14). Am 17./29. Juli 1813 aus Waldenberg: "Ich bin seit 8 Tagen im Hauptquartier des Grafen Wittgenstein. T. Bock ist mein Stubenkamerade. Die alte Barclay hat ohne mich vorher wissen zu lassen, ihren Mann gebeten, er möchte mich zu sich nehmen. Gestern kam der Befehl, man muß gehen, so sehr unangenehm mir es auch sein wird, aus einem Zirkel angenehmer, froher, heiterer Menschen zu scheiden, um bei einem kalten, stummen Barclay zu dienen /.../ Stundenlang geben wir uns (mit T. v. Bock) Rechenschaft in Vergangenheit und Gegenwart, stundenlang denken wir an die Zukunft." (33, 20–21). Am 29. September/10. Oktober teilt Berg vor der Völkerschlacht bei Leipzig mit, daß er und die meisten Freunde heil sind und daß sie mit der Avangarde nach Weimar ziehen. Im selben Brief schreibt er: "Timoscha ist Obrist. Die Siege machen uns alle wonnetrunken, doch Timoscha hat Verstandesfieberanfälle und hat ein paar Briefe an Wittgenstein geschrieben, die unverzeihlich sind. Ich begreife nicht, wie ein Mensch wie er so wenig Takt hat. Ich liebe ihn dennoch vom ganzen Herzen, denn eigentlich ist er ein sehr guter Mensch, aber leider immer überspannter" (38, 12).

In seinen Briefen macht Berg sich beständig Sorgen um die Zukunft und Erziehung seiner Brüder, um die Gesundheit der Mutter und um das Geld. Darüber handeln viele Briefe, besonders aus Köln vom 13./25. Mai 1814. Nach der Einnahme von Paris hatten sie dort fast einen Monat verbracht. Weil die Armee zu Fuß nach Hause kehrte, haben viele Offiziere die Gelegenheit benutzt, Deutschland zu besichtigen und sich mit den Truppen später in Warschau zu treffen. Bock und Berg haben sich dem Grafen Pahlen angeschlossen, der über Köln und Gotha nach Karlsbad reiste. Weiter wollten sie Dresden, Leipzig, Weimar usw. sehen. "Nur wenn ich in Wetzlar das Geld nicht vorfinde, so steht mir der Verstand still. Ich habe diesen Augenblicks nichts mehr als eine Uniform, ein zweirädiges Kabriolet, 3 Pferde daran, meinen Petruschka und meinen Kutscher und 4 (vier) Fridrichsd’or. Der Verschwendung kann ich nicht beschuldigt werden, denn ich habe seitdem ich Danzig 1813 im Januar verließ bei den bedeutenden Reisen nur meine Gage 50 Dukaten und 50 Dukaten, die ich in Paris von Ihnen erhielt – und 50 Schulden. Mit 2000 Rubel Banco. Ass. also habe ich ganz Europa durchzogen, mir 6 Pferde gekauft, in Berlin, Hamburg, Kopenhagen, in Schlesien, Fankfurt, Basel und endlich einen Monat in Paris gelebt. Wie Sie sehen, gute Mutter, dreht sich für mich diesen Augenblick leider alles um das Geld herum, bekomme ich keines, so versäume ich die schöne Gelegenheit, die ineressantesten Orte in Deutschland zu sehen" (42a, 6). Dazu hat Bock geschrieben: "Wir haben in Paris triumphiert, Napoleon auf die Insel Elba geschickt und reisen jetzt zu unserem Vergnügen durch die schönsten Gegenden Deutschlands. Ihr Sohn hat zu dieser Expedition 80 livres in der Tasche und 13 Guineen – wir sind aber der besten Laune und malen uns /.../ Bald hoffen wir in Sagnitz zu sein" (42a, 6). Es scheint, daß Berg doch das Geld bekommen hat und die Jünglinge die Reise fortsetzen konnten. Den 30. Juni schreibt er, daß sie mit Timoscha ihre Reise über Kassel, Jena, Erfurt und Weimar fortgesetzt haben und überall an den Höfen mit ausgezeichneter Güte empfangen wurden. "Ein Brief aus Livland änderte in wenig Minuten diesen Entschluss. Timoscha, ein zärtlich liebender Bruder, ritt nach Livland. Die Ursache kann Ihnen nicht verborgen sein oder bleiben" (33, 33). Der Brief aus Livland, der T. v. Bock fortzueilen und bei Barclay de Tolly um Entlassung zu bitten gezwungen hat, berichtete wohl von der Krankheit der Julie v. Bock, geb. v. Berg – eine Cousine von Berg.

Am 13. Juli berichtet er, daß er alle seine Schulden mit Gage bezahlt und am vorigen Tage Dresden verlassen habe.

Barclay hat in T. v. Bocks Entlassung nicht eingewilligt, ihn aber in das Isjamsche Husarenregiment überführt, das in Dorpat stand. Berg schreibt inzwischen aus Thorn den 6. August n.St., daß sein einziger Wunsch jetzt sei, auch so bald wie möglich nach Hause zu kommen, und hofft, daß Barclay ihm einen Urlaub auf sechs Monate vergönnen wird. Von Timoscha hat er seit der Trennung keine Silbe erhalten und bittet die Mutter ihm zu sagen, daß er von ihm etwas zu erfahren wünscht (33, 41).

Von diesem Moment an hat Bock, der bisher in diesem Tandem immer die dominierende Rolle inn hatte und für Berg überall den Weg gebahnt hatte, bald ausgespielt. Seine stolzen Pläne im Dienst werden abgewiesen, seine Liebe darf sogar nicht erwähnt werden, und am 14. März 1817 wird Julie zu Grabe getragen. Im August 1816 hat Bock, der eine Auslandsreise erbeten hatte, endgültig abgedankt, mit der allerhöchsten Resolution, daß man im Dienste stehend keinen Urlaub für eine Auslandsreise bekommen könne. Bock hat sich, nachdem sein Bruder Karl ins Ausland gereist war, sich auf’s Land eingezogen und hat im Oktober 1817 das ehemalige Stubenmädchen seiner Geliebten geheiratet. Nach einem halben Jahr sichtete er dann seinen schicksalsschweren Brief an den Kaiser, und "da war’s um ihn geschehen": seine überspannten Nerven hielten der Haft nicht stand aus. Nach neun Jahren wurde er wirklich irrsinnig und aus der Festung Schlüsselburg unter Aufsicht auf seinen Gut entlassen, wo er sich nach neun Jahren erschossen hat.

Berg hat im August 1814 um Urlaub gebeten, um seine Geldangelegenheiten in Ordnung zu bringen. An die Mutter schreibt er: "Ich wähle gerade diese Ursache, weil man darauf den Urlaub nicht abschlägt", und bittet, ihn mit einem Brief der Fürstin Barclay zu unterstützen (33, 40 ). Seit Mitte Oktober 1814 ist er abwechselnd in Riga, Sagnitz und Mitau/Jelgava, wo er sich eifrig mit häuslichen Angelegenheiten beschäftigt hat und einen günstigen Landratskollegiumsbeschluß erwirkt hat. Die Mutter hatte sich wahrscheinlich Sorgen gemacht, worauf Berg am 17. Oktober aus Riga schreibt: "Sie glauben, daß [ich] nicht fähig bin mich so an einen Gegenstand zu attackieren, daß ich mich entschließen könnte zu heiraten und in Livland als Landmann still und glücklich zu leben – wie wär es, wenn nur wirklich ich schon jetzt nicht ein Geständnis machen will und das bloß weil ich 20 Jahre alt bin. – Liebt man, so hat man den Wunsch zu heiraten – hat man sich dieses eingestanden, so will man bald heiraten und darin sitzt der Knoten. – Die Sache an sich ist herrlich – nur jetzt nicht – so also schweige, bis der Augenblick da ist, wo ich schnell ausführe, was ich beschlossen habe. Ich bin durchaus der Meinung – der Entschluß muß reif und bedächtig und still und verschwiegen gefaßt werden – und steht er fest – nun dann mache einen nichts mehr irre – und man führe rasch aus, was beschlossen. – Was ich Ihnen schreibe, bleibet immer unter uns" (33, 34).

Es scheint, daß er damals Sympathie für die junge Gräfin Bobrinski, der einzigen Erbin des Gutes Schloß Oberpahlen/Põltsamaa empfand. Jedenfalls ist sie das einzige Frauenzimmer außer der kranken Julie auch in St. Petersburg, wo Berg seit Anfang 1815 angestellt war und wieder bei Timoscha in der Galeerenstraße unweit von Bobrinski wohnte. Im März, als Napoleon in Frankreich landete, war T. v. Bock in Dorpat und zog gleich ins Feld. Berg hofft d. 26. Juni 1815 aus Wilno, daß Blücher schon in Paris und der Krieg aus sein sollte. Den 20. Juli hat er seinen Petruschka mit zwei Pferden und allen Sachen dem Bruder Maxim übergeben, der beiden Husaren aufgenommen worden war (33, 85). Dieser Petruschka, eigentlich Peter Jürgensohn, hatte mit Berg den ganzen Krieg mitgemacht. Überhaupt wurden beim Hofe Sagnitz die gescheitesten Bauernknaben, die den jungen Herren dienen sollten, speziell in die Schulen geschickt und ausgebildet. Der Jaschka, der Berg in St. Petersburg und auf seinen Steppenreisen begleitete, konnte natürlich Deutsch und Russisch, aber hat auch Tatarisch, d.i. Türkisch und arabische Schrift gelernt.

Im September 1815 ist Berg in Reval und hofft nach Hause zu kommen, hat aber dort den Befehl erhalten, zum 1. Oktober nach St. Petersburg zu fahren. Im Winter scheint die Mutter in St. Petersburg gelebt zu haben – wahrscheinlich machte die russische Gräfin ihr Sorgen. Am 17. April 1816 beschreibt Berg seine neue Wohnung, schreibt über Timoscha und bemerkt zuletzt: "Die Hochzeit der jungen Gräfin ist morgen, ich hoffe, daß sie glücklich wird" (934, 14). (Sie wurde eine Fürstin Gagarin.)

Seitdem schreibt er fast jeden Posttag: "Eben hat mich auch T. Bock verlassen, ich bin ganz allein" (34, 58). Im September ist er in das Haus des Fürsten Wolkonski auf Moika umgezogen. Endlich kommt er nach Dorpat gerade zum Begräbnis der Julie v. Bock am 17. März 1817. Fast ein halbes Jahr hat er zu Hause verbracht, dabei schreibt er an die Mutter aus Pleskau den 15. Juli: "Vergessen Sie ja nicht allen, die nach mich fragen sollten, zu versichern, daß ich totkrank bin" (34, 113). Aus dieser Ursache hat er eine Auslandsreise bekommen. Im September schreibt er schon aus Dresden, dann kommt eine Lücke mit den Briefen, und Anfang des Jahres 1818 ist er beinahe zwei Monate in Nizza und wartet auf den Bruder Gustav (Astaf), bekommt wieder keine Briefe und kein Geld und ängstigt sich gemeinsam mit dem Grafen Paul Pahlen, was doch zu Hause geschehen sein mag. Zum Glück befindet sich in Nizza Fürst George Trubetskoi, "der mit seiner ganzen Habe mir zur Seite steht" (35, 6). Bis Juni wartete er in Mailand auf den Bruder, der wegen Sparsamkeit der Mutter nicht kommen konnte. Im Juli hat er in Genf die La Harpes besucht, mit denen sich Wilhelmine v. Berg während ihrer Auslandsreise 1802–1804 befreundet hatte. Der Mann war der berühmte Erzieher Alexanders I., und man sollte nicht zweifeln, daß er nicht nur an Frau Berg, sondern auch seinem Zögling die Grüße übermittelte.

Der Brief vom 15. September 1818 aus Cuggiano bezeichnet einen Wendepunkt im Leben des künftigen Grafen und Feldmarschalls. Zuerst beruhigt Berg die Mutter, daß er sich in eine Ausländerin verlieben könnte, aber er eine solche Frau wie seine Mutter nur in Livland finden kann. Berg verachtete kosmopolitisch gesinnte Menschen, die bereit waren, das Vaterland zu verlassen. Weiter schreibt Berg, daß er kurz in Mailand war, um die Familie Annoni in Cuggiano zu besuchen, "mit der ich hier am meisten befreundet bin. Der Graf Annoni ist ein heiterer liebenswürdiger Mann, der unter der vorigen Regierung eine große Rolle gespielt hat, seit dieser aber bloß seinen Geschäften lebt, die sehr groß sind und ihn gerade genug beschäftigen. /.../ Der Graf Annoni hat einen einzigen Sohn, einen Knaben von 13 Jahren... /.../ Die Gräfin ist kränklich – wahrscheinlich weil sie schon im 14–ten Jahre geheiratet hat – Sie ist aber dessenungeachtet die schönste Frau in Mailand, wenigstens eine der schönsten" (35, 22–23). Im Brief vom 22. Oktober schreibt er: "Ich lebe jetzt hier in Cuggiano ganz so wie einst in Sagnitz – Musik, Zeichnen /.../ Ich habe mir hier volle und herzliche Freunde gemacht und wir bedauern es täglich, nicht unter einem Himmel geboren zu sein und nicht unser ganzes künftiges Leben beisammen leben zu können. Ich würde untröstlich sein, wenn ich nicht zu Hause ebenso liebe und treue Menschen wiedersehen sollte" (35, 27). Also sehen wir, daß seine Heirat im Oktober 1830 mit der verwitweten Gräfin Annoni ganz gesetzmäßig war. Sie lebten in glücklicher Ehe 44 Jahre und sie verschied gleich nach ihm, oder nach der Grabschift:

"Ihr brach das herz, als seines stille stand."

Der Aufenthalt in Cuggiano dauerte bis Ende November mit einer dreiwöchigen Ausfahrt nach Mailand mit der Familie Annoni. Er schreibt an Mutter: "Ist der Mensch zufrieden und glücklich, so bin jetzt in diesem Augenblick – und doch sehne ich mich nach Dorpat" (35, 25). Daselbst erörtet er seine weiteren Pläne. Er möchte über Konstantinopol und Odessa zurückkehren. Eine solche Reise könnte ihm in Dienst vorteilhaft werden. Man erwartet den Kaiser nach Italien und er möchte ihn abwarten, um General Wolkonski um einen Brief für eine solche Reise zu bitten. Er möchte ihn aber nicht in Mailand treffen, sondern in Neapel, woher es schon bequemer und billiger wäre, über Konstantinopol nach Rußland zu fahren; sonst sollte er nach der Begegnung gleich im Dienste sein.

Ende November kehrt Berg doch nach Mailand zurück, um mit Karl v. Bock Italien zu bereisen. Der General K. v. Benckendorff hatte ihm im Namen des Generals Wolkonski berichtet, daß er mit der Rückkehr nicht zu eilen brauchte, falls er noch in Italien bleiben möchte. So haben sie Firenze, Rom und Neapel besucht. Im Juni 1819, als K. v. Bock nach Sizilien reiste, blieb Berg in Neapel und wartete noch auf den Bruder. Im September fuhr er aus Neapel nach Konstantinopol und kam Anfang Dezember wieder nach Rußland an, wo er zuerst zwei Wochen in Quarantäne verbringen mußte. Sein ganzer Urlaub hatte also drei Jahre gedauert.

Der Bruder Gustav v. Berg, der nicht ins Ausland kommen konnte, bereiste, wie es scheint, nach Kaukasien. Damit erklären sich zwei Dokumente in den Materialien von Berg: das erste, Russisch und Arabisch, wurde am 23. Januar 1818 in Tiflis von Generalleutenant Jermolajev untergeschrieben, wo alle Behörden und Einwohner gebeten werden Rußlands Untertanen Herrn Berg möglichste Hilfe zu leisten und ihn, der einzig im Interesse seiner Bildung die Altertümer kennenlernt, darin nicht zu verhindern (74, 1). Das zweite ist ein großer Fragebogen von Ernst Nik Anton Hartwiss, gerichtet an den "berühmten vaterländischen Reisenden Herrn v. Berg", in dem alles aufgezählt wird, was einen Altertumsforscher interessieren könnte (alte georgische Handschriften (202)).

Berg war einige Jahre nach der Rückkehr in die südlichen Steppenländer, nach Orenburg und Samara, mit der Aufgabe gereist, diese zu kartografieren. Aus dieser Zeit sind einzelne, meist kurze Briefe an die Mutter erhalten. Im April 1823 schreibt Berg, er sei des Herumjagens wahrlich müde und möchte nach Hause kommen (38, 38). Im Juni 1825 berichtet er, daß er noch eine Reise auf sechs Monate nach Orenburg machen sollte (35, 103). Die Steppen schildert er am 29. April 1826 so: "Gute Mutter, was soll ich Ihnen von diesem traurigen Steppenlande sagen – Fläche und Sand, Wiesen und unabsehbare Heiden – bewohnt von den darauf irrenden Völkern. Alle Mängel der Roheit und Barbarei, die man natürlich auch in der Administration der ganzen Gegend in einem fort begegnet" (36, 11).

Im Sommer 1826 war er schon in der Hauptstadt, im August hat er an dem Krönungsfest des Kaisers Nikolaus I. teilgenommen. Bei dieser Angelegenheit, wie er am 21. August 1826 schreibt, ist er zum wirklichen Staatsrat befördert, zum Ministerium der Auswärtigen Angelegenheiten übergeführt und zum Kammerherrn ernannt worden (36, 31). Für die übrigen beinahe 48 Jahre des Lebens hat er nur drei Rangstufen bekommen, die höchste 1866.

Wir konnten Gedanken und Charakterzüge von Berg nur flüchtig berühren. Es sei hier noch auf eine wichtige Eigenschaft hingewiesen, die im Zusammenhang mit seiner Heirat besonders hervortritt. Die Mutter wachte streng über die Söhne, der "Allianz zwischen Slaven und Franken" (Ausdruck von T. v. Bock in Bezug auf seinen Freund und Gräfin Bobrinskij) hatte sie vorgebeugt. Im Jahr 1827 teilte die Mutter Berg mit, daß der jüngste Bruder Maxim sich ihrem Willen ganz fügt und den Gedanken, ein armes Mädchen zu heiraten, aufgegeben habe (137, 65). Natürlich wäre sie der Heirat mit einer verwitweten Ausländerin katholischer Konfession entgegengetreten. Berg schreibt in einem Brief aus Italien vom 24. Oktober 1830 post factum über seine Liebe und Heirat, versichert "über alles geliebten Mutter" der seiner Frau Anhängigkeit und hofft mit ihr nach Sagnitz kommen zu dürfen (37, 97). Wie die Mutter reagierte, wissen wir nicht. Dieses Beispiel ist aber charakteristisch für Berg. Er wußte den unnützen Streit zu vermeiden und doch das durchzusetzen, was er für richtig hielt.