DIE DORPATER STRUVES UND DER GENERALFELDMARSCHALL

FRIEDRICH WILHELM REMBERT GRAF VON BERG

Wolfgang R. Dick (Potsdam) und Heino Eelsalu (Tartu)

Wilhelm Struve (1793 Altona – 1864 Pulkovo) gilt als einer der bedeutendsten Astronomen und Geodäten in der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts. Er studierte in Dorpat in den Jahren 1808–1813, zugleich war er als Hauslehrer und Berater in Sagnitz/Sangaste im damaligen Livland (heute Südostestland) im Hause der v. Bergs tätig. Die v. Bergs wurden später dadurch berühmt, daß Friedrich Wilhelm Rembert v. Berg (1794 Sagnitz – 1874 St. Petersburg) dreimal zum Grafenstand erhoben wurde, in den Rang eines Generalfeldmarschalls aufstieg und als Generalgouverneur Finnlands und Statthalter Polens in der Geschichte dieser Länder eine wichtige Rolle spielte. Seine engen Verbindungen zu W. Struve trugen wesentlich dazu bei, daß in Rußland große geodätische und kartographische Unternehmen durchgeführt werden konnten. Im folgenden werden diese Entwicklungen unter Berücksichtigung neu entdeckter Archivalien kurz geschildert.

W. Struve leitete die Dorpater Sternwarte bis 1839 und danach die Sternwarte Pulkowo bis 1862, als sein Sohn Otto (1819 Dorpat – 1905 Karlsruhe) die Leitung übernahm. O. Struve schrieb ein Erinnerungsbuch über seinen Vater (O. Struve, 1895 und 1964). In seinem Nachlaß befindet sich außerdem eine unvollendete Notizensammlung über sein eigenes Leben (O. Struve, MS). Das Vorhandensein dieses Manuskriptes wurde erst 1981 von einem der Verfasser des vorliegenden Aufsatzes im ungeordneten Archiv der Sternwarte Charkow festgestellt (Dick, 1985). Daneben existieren verschiedene weitere Quellen zum Verhältnis der Struves zu v. Berg.

Die frühesten Beziehungen zwischen W. Struve und den Bergs hat A. H. Batten (1988) eingehend geschildert, indem er sich auf das erwähnte Erinnerungsbuch O. Struves und eine Erinnerungsrede des Dorpater Professors Arthur Joachim v. Oettingen (1893) stützte. Er hebt hervor, daß sowohl W. Struves älterer Bruder Karl Struve (1785–1835) als auch ein Familienfreund der Struves, der spätere Begründer der bisher erscheinenden astronomischen Fachzeitschrift H. Chr. Schumacher, in einem Nachbarsgut von Sagnitz zeitweilig als Hauslehrer angestellt gewesen waren. Zu ergänzen ist, daß der Altphilologe K. Struve nicht nur als Privatdozent an der Universität, sondern auch als Lehrer am Gouvernementsgymnasium tätig war, das Berg vom September 1804 bis Dezember 1810 besuchte und als einer den besten Absolventen verließ (Liim, 1994).

Oettingen beschreibt die Bedeutung von W. Struves Aufenthalt in Sagnitz mit den folgenden Worten: "Es war in Sagnitz /.../ wo er eintrat, um den später berühmten General–Feldmarschall Grafen Berg und dessen jüngere Brüder zu unterrichten und zur Universität vorzubereiten. /.../ Der Aufenthalt Struves im Berg’schen Hause, der von 1808 bis 1814 währte, ward ihm von eminenter Bedeutung für seine spätere Laufbahn. /.../ Hier /.../ war er genöthigt Verkehr mit zahlreichen Personen hoher Bildung anzuknüpfen und erhielt beständig Kunde von Ereignissen in der politischen Welt. Hier endlich wurden bereits die Keime geweckt zur später so großartig entfalteten Wirksamkeit der Landesvermessung. Er lernte die Bedürfnisse des Landes kennen und die zu einer Aufnahme desselben nothwendigen Forderungen und zu stellenden Aufgaben". Nach O. Struve (1895) mußte sein Vater wöchentlich 34 Unterrichtsstunden geben. Von seinen Berichten darüber sind 49 erhalten, welche sich auf Gustav v. Berg (1796 Sagnitz – 1861 Sagnitz) beziehen (W. Struve, 1809–1811).

Zu den Beziehungen zwischen W. Struve und den Bergs bemerkt O. Struve (1895), "daß zwischen den beiden nahezu gleichaltrigen jungen Leuten /.../ in der Jugendzeit /.../ wegen verschiedenartigen Lebensanschauungen sich kein eigentlich intimes Freundschaftsverhältnis entwickelte, stets aber auf gegenseitiges Vertrauen begründete freundliche Beziehungen bestanden haben, die erst in späteren Jahren /.../ den Charakter herzlicher Freundschaft annahmen." Ferner berichtet er, "daß das Haupt des Hauses, Herr v. Berg /.../ in seinen letzten Stunden [1811] ihm das Versprechen abgenommen, auch ferner seinen Söhnen treu zu Seite zu stehn /..../". Er fügt hinzu (O. Struve, MS), daß sein Vater nach 1810 "noch mehrere Jahre in inniger Verbindung mit dem Bergschen Hause als Beirath der Mutter sowohl in allen Geschäften und für die Erziehung der jüngeren Söhne /.../ verblieb".

Über die letzten Kontakte zwischen W. Struve und Berg in der Jugendzeit berichtet O. Struve (MS) folgendes: "Im Winter 1811/1812 wurde Berg als Student der Kriegswissenschaften auf der Universität Dorpat immatriculirt /.../ Als 1812 die Franzosen /.../ in Rußland einbrachen, trat Berg beim Militär ein /.../ Den folgenden Winter brachte Berg in Riga zu und erwies meinem Vater einen Freundschaftsdienst, indem er ihm meldete, daß Vaters jüngster Bruder Ludwig [Struve] und dessen Freund K. E. v. Baer /.../ dort ernstlich /.../ erkrankt waren. Vater eilte von Dorpat dahin /.../ Im Frühjahr 1813 zog Berg mit den Russischen Truppen in Deutschland ein /.../ und machte von dort aus einen kühnen Ritt /.../ nach Altona, um die Eltern und Geschwister meines Vaters zu besuchen".

Danach scheinen direkte Kontakte für ein ganzes Jahrzehnt ausgeblieben zu sein. Während Berg – wie es O. Struve ausdrückt – "sich des Lebens erfreuend, in der Welt" wanderte, baute W. Struve feste Beziehungen zu den Militärs auf. Oettingen schildert den formellen Beginn dieser Zusammenarbeit so: "Am 20. Januar [1825] traf eine Anfrage von Seiten des Chefs des Kaiserlichen Generalstabes Freiherrn von Diebitsch ein, ob Professor Struve geneigt sei, Offiziere des Generalstabes in der theoretischen und praktischen Astronomie zu unterrichten. Struve /.../ entwarf den Plan zu 3jährigen Cursen. Mit diesem Unternehmen begann jene großartige Thätigkeit, welche das Fundament bildete für die Ausbildung der Geodäsie des gesammten russischen Reiches.".

Oettingen scheint jedoch frühere Dokumente übersehen zu haben. Friedrich Busch (1856) erklärt nämlich in seiner Universitätschronik für das Jahr 1822 folgendes: "In diesem Jahre war es auch, wo der Universitätssternwarte zum ersten Male Officiere des Generalstabes und der Flotte Sr. Kaiserlichen Majestät zugewiesen wurden, um sich unter der Leitung des berühmten Directors derselben in astronomischen Kenntnissen zu vervollkommnen.".

Andererseits widmete Berg, der mehrmals Quartiermeister (Befehlshaber) der kämpfenden Truppen war und strategische Expeditionen plante, kartographischen Fundamentalarbeiten viel Aufmerksamkeit. Georg v. Rauch (1941) erwähnt sowohl "genaue kartographische Aufnahmen von Bulgarien und Rumänien von der Hand Bergs" als auch, daß er dem General und Fürst Ivan Paskevitsch "die Leitung der Vermessungsarbeiten in Polen auftrug".

1843 wurde Berg Chef des Generalstabes, und damit begann auch seine sehr enge Zusammenarbeit sowohl mit W. Struve als auch mit O. Struve, der 1846 "Berathender Astronom des Generalstabes" wurde. Er meint: "/.../ gerade in [Bergs] Stellung als Chef des Kartendepots konnten mein Vater und auch ich /.../ der Geodäsie wichtige Dienste leisten und diese Aufgabe war es vornehmlich, welche uns mit ihm verband und die intim freundschaftlichen Beziehungen erzeugten, deren mein Vater und später auch ich bis in Berg's späteres vorgerücktes Alter uns erfreuten." O. Struve hebt insbesondere drei unter Bergs Oberleitung durchgeführte Chronometerexpeditionen hervor, außerdem die Schaffung der Grundlagen zu einer genaueren Kartographie des Europäischen Rußland, wozu "auch die von Berg speciell mit unserer Unterstützung eingeführte Kartenprojectionsmethode, die später auch von vielen andern Ländern angenommen ist," gehörte. Rauch schätzt Bergs Leistung so ein: "Sein Werk war die topographische 3–Werst–Karte Rußlands, bei deren Zusammenstellung auf seine Veranlassung zum erstenmal photographische Methoden angewandt wurden.".

Den Beginn der offiziellen Zusammenarbeit faßte W. Struve mit den folgenden Worten zusammen: "Ce fut en 1844 que l’aid–de–camp–général M. de Berg, chef de l'État–major Impérial, appela M. de Tenner, occupé alors de la levée trigonometrique du gouvernement de Kiev, à St. Pétersbourg, pour consulter avec nous sur les voies à suivre dans une continuation méridionale de l'arc du méridien de Russie, en la basant sur les travaux géodésiques enterpris de la part de l'État–major, et sur le secours scientifique à réclamer de la part de l'Académie des Sciences" (W. Struve, 1852). Nach Novokshanova–Sokolovskaya (1964) fragte Berg damals Struve einfach, wie die vom Generalstab vor 30 Jahren begonnene geodätische Arbeit im Interesse der Wissenschaft verwandt werden könnte, worauf Struve antwortete, daß daraus Angaben über die Gestalt der Erde abgeleitet werden sollten.

Berg und W. Struve gehörten zum Kern der 1845 entstandenen Russischen Geographischen Gesellschaft. 1846 rief die Gesellschaft einen Ausschuß zwecks Kartierung von Zentralrußland ins Leben. Den Vorsitz führte W. Struve, Berg gehörte zu den Mitgliedern. 1848 wurde zudem ein Ausschuß für die Bearbeitung der Ergebnisse trigonometrischer und topographischer Arbeiten gegründet. Darin waren die Verhältnisse umgekehrt: Berg führte den Vorsitz und W. Struve war als Mitglied beteiligt.

1852 konnte W. Struve das Folgende über die Gradmessung des 20,5 Grad langen Dorpater Meridianbogens berichten: "j'avais à rapporter sur le marche des travaux en dehors de l'Académie encore à S.E.M. l'Aide–de–camp général de Berg. Mon rapport /.../ du 7 avril 1851 lui indiqua soit l'achèvement total des travaux géodésiques entre Ismail et Tornea, soit le progrès rapide des opérations, entreprises sous la protection de Sa M. le Roi du Suède et de Norvège. Dans sa réponse du 19 avril 1851 M. de Berg s'exprime dans les termes suivants: "Des qu'on considère l'étendu du terrain de l' Empire Russe, une connaissance exacte des dimensions et de la figure de la terre s'est montrée depuis longuetemps comme indispensable pour les travaux du Dépot"" (W. Struve, 1852).

In Pulkowo führte W. Struve die in Dorpat begonnene Ausbildung der Militärgeodäten und –kartographen weiter. 1847 richtete er jedoch an Berg die Bitte, die praktischen Übungen in die Hände seiner Schüler zu übergeben. Als Beispiel der Zusammenarbeit zwischen Struve und Berg sei ihre Entscheidung über die wissenschaftliche Laufbahn des Assistenten und späteren Leiters der Dorpater Sternwarte, Ludwig Schwarz, erwähnt. Struve empfahl 1848 Schwarz an Berg als Astronomen für eine nach Transbaikalien und in das damals ganz unbekannte Amurgebiet zu entsendende Expedition (1849–53), die sich als höchst erfolgreich erwies (Döllen, 1895).

Die Anstellung Bergs im Generalstab war mit der Entlassung des früheren Chefs des Kartendepots, General Schubert verbunden, den O. Struve als Intriganten bezeichnet. Er erzählt: "Alle Versuche Schuberts, gegen seinen Nachfolger zu agieren, /.../ scheiterten daran, daß Berg sich rühmen konnte, sich beständig der Unterstützung von Vater und durch ihn von ganz Pulkowa, speciell von mir /.../ zu erfreuen. Dadurch entstand die Feindschaft gegen Pulkowa, welche Schubert lange Jahre mit Erfolg übte /.../" (O. Struve, MS). Ferner berichtet er (O. Struve, 1895), daß, nachdem seines Vaters Beziehungen zur St. Petersburger Akademie im Jahr 1848 sich beträchtlich verschlechtert hatten, dieser sich in seinen engen Freundeskreis zurück zog. Unter diesen nennt O. Struve vor allem Berg, aber auch den Grafen Friedrich v. Lütke, die Baronen Ferdinand v. Wrangel und Carl Graf Lieven, sowie den Minister Avraam S. Norow. Zu den treuen Freunden seines seit 1858 erkrankten Vaters zählt er auch das Akademiemitglied Karl Ernst v. Baer und den Bischof Karl Ulmann.

Schuberts Vorwurf an Berg sei gewesen, daß derselbe "keine specielle geodätische und kartographische Studien gemacht habe". Jedoch meint O. Struve: "Auf große Gelehrsamkeit machte Berg keinen Anspruch, aber sein rasches Erfassen ließ ihn diesen Mangel leicht ersetzen". Jedenfalls bezeichnet er Berg als "Vaters ersten Schüler". Diese Bezeichnung zeigt, daß die jugendlichen Beziehungen zwischen Berg und W. Struve sich auf der Ebene einer wirklich akademischen Ausbildung entwickelten.

Die hier umrissene äußerst fruchtbare Symbiose zweier Theoretiker und eines Praktikers sollte die Aufmerksamkeit der Wissenschaftsanalytiker finden. Die ideale Partnerschaft der Struves mit dem Generalfeldmarschall Berg bietet ein herrvorragendes Beispiel zum Verständnis der Wechselwirkung von Staatsmacht und Wissenschaft.

 

Danksagung: Einer der Verfasser (H. E.) dankt Frau Marje Raudsepp, Museum für Geschichte der Universität Tartu, für die Bereitstellung relevanter Archivalien.

 

Literatur und Quellen

 

Batten, A. H. Resolute and Undertaking Characters: The Lives of Wilhelm and Otto Struve. D. Reidel. // Astrophysics and Space Science Library. Dordrecht, 1988, Vol. 139.

Busch, Fr. Der Fürst Karl Lieven und die Kaiserliche Universität Dorpat unter seine Oberleitung. Dorpat und Leipzig, 1846. 105 S.

Dick, W. R. Dokumente aus der Dorpater Zeit Wilhelm Struves in der Charkower Sternwarte. // Rara Uranographica in Estonia. Tartu Astrofüüsika Observatooriumi Teated. Tartu, 1985, N. 75, S. 5–12.

Döllen, W. Ludwig Schwarz. // Vierteljahrsschrift der Astronomischen Gesellschaft. 1895, Jg. 30, Hft. 1/2, S. 2–11.

Liim, A. Fr. W. R. von Berg als Schüler des Dorpater Gouvernementsgymnasiums. Vortrag auf der Konferenz "Historie und Historiker". 1994. Tartu, 15.–17. Sept. 1994.

Oettingen, A. v. Gedächtnisrede zur Feier des hundertjährigen Geburtstages von Wilhelm Struve. // Vierteljahrsschrift der Astronomischen Gesellschaft, 1894, Jg. 29, Hft., 1, S. 67–90.

Rauch, G. v. Graf Friedrich Wilhelm Rembert von Berg. // Deutsche Wissenschaftliche Zeitschrift im Wartheland, 1941, Hft., 3/4, S. 257–282.

Struve, W. Exposé historique de la mesure de l'arc du méridien. 1852.

Struve, O. Wilhelm Struve. Zur Erinnerung an den Vater den Schwistern dargebracht. Karlsruhe, 1895.

Struve, O. MS sine anno. Aus m/einem Leben/. Archiv der Universitäts–Sternwarte Charkow. Teil–Nachlaß O. Struve (Kapitel "Feldmarschall Graf Berg" und "Unsere Beziehungen zu General Schubert").

Íîâîêøàíîâà (Ñîêîëîâñêàÿ) Ç. Ê. Âàñèëèé ßêîâëåâè÷ Ñòðóâå 1793–1861. Ìîñêâà, 1964.

Ñòðóâå Î. Â. Â. Ñòðóâå. Ïåðåâîä ñ íåêîòîðûìè ñîêðàùåíèÿìè òåêñòà À. À. Ìèõàéëîâà. // Âàñèëèé ßàêîâëåâè÷ Ñòðóâå. Ñá. ñòàòåé ïîä. ðåä. À. À. Ìèõàéëîâà. Ìîñêâà, ñ. 75–116.

Estnisches Historisches Archiv (EHA)

EHA, B. 1874, V. 1, M. 26. Struve, W. 1809–1811. Wöchentliche Zeugnisse für Gustav.