REINER BROCKMANN: Ich hab’ wollen Estnisch schreiben...,

Marju Lepajõe

Der Verlag der Universität Tartu wird schon in nächster Zukunft die Freunde deutsch–baltischer Literatur und Barockpoesie mit einem neuen, schönen und inhaltsreichen Buch erfreuen. Nach der siebenjährigen Arbeit ist das Manuskript der gesammelten Werke von Reiner Brockmann (1609–1647), Begründer der estnischen Kunstlyrik, Vertreter der deutschen Barockdichtung und neulateinischen Poesie druckfertig geworden. Das Buch wird sowohl alle seine bis heute bekannten deutschen, lateinischen, griechischen und estnischen Gedichte, Übersetzungen der Kirchenlieder, seine lateinsprachige Rede (bzw. das Traktat) "Discursus valedictorius de natura et constitutione historiae" als auch ausgewählte Briefe auf Deutsch und Latein aus der Periode 1639–1645 und den Nachruf "Vita defuncti" in Faksimile enthalten. Der Herausgeber des Bandes, Endel Priidel, behandelt in seiner Einleitung die Rezeptionsgeschichte Brockmanns; die Historikerin Kaja Altof–Telschow hat eine biographische Übersicht verfaßt; die Philologin Aino Valmet, eine der besten Kennerinnen der Geschichte der estnischen Schriftsprache (1928–1993), hat Brockmanns estnische Sprache in seinen Gedichten analysiert; und klassische Philologin Marju Lepajõe hat Brockmanns lateinische, griechische und deutsche Gedichte kommentiert. Das Buch ist mit Zusammenfassungen auf Deutsch und Englisch, einem Personenregister sowie einer Tabelle versehen, woraus die Zeit des Verfassens bzw. der Veröffentlichung des Gedichtes, sein Adressat und die Sprache sowie die gedruckte Quelle und deren Standort zu entnehmen sind.

Über den historischen Kontext, der die wichtige Rolle Brockmanns in der estnischen Kulturgeschichte erhellt, bietet das Curriculum vitae von Altof–Telschow reichhaltige Informationen.

Nach der Durchsetzung der lutherischen Reformation in Estland begann sich auch das estnische Schrifttum zu entwickeln. Während aus dem XVI. Jahrhundert nur einzelne Texte auf Estnisch bekannt sind, erschien im folgenden Jahrhundert bereits eine beachtenswerte Menge estnischer Kirchenliteratur. Der Beginn der estnischen weltlichen Lyrik ist in das XVII. Jahrhundert zu datieren. Die Autoren der Kunstlyrik sind vor allem aus Deutschland gebürtige Gelehrte und Pfarrer. Die Entstehung der Gelegenheitsdichtung in Estland wurde zusätzlich sowohl durch das im Jahr 1631 eröffnete Gymnasium in Reval/Tallinn und die Gymnasium–Druckerei als auch durch die im Jahr 1632 gegründete Universität in Dorpat/Tartu und die Universitäts–Druckerei begünstigt. In diesen Druckereien wurden u.a. zu verschiedenen Anlässen – wie etwa Hochzeiten, Beerdigungen und verschiedenen akademischen Feiertagen – verfaßte Gedichte publiziert. Einige dieser Gedichte waren auf Estnisch. Eben in der Druckerei des Revaler Gymnasiums erschien auch das ganze Schaffen von Brockmann.

Reiner Brockmann (latinisiert Reinerus Brocmannus) wurde am 28. April a. St. 1609 im Herzogtum Mecklenburg in der Stadt Schwan geboren. Sein gleichnamiger Vater war dort Pfarrer, die Mutter Margaretha die Tochter des dortigen Pfarrers Zacharias Scheffers. Brockmann besuchte die Stadtschule in Rostock, die Gymnasien in Wismar und Hamburg und studierte an der Universität Rostock. 1634 wurde er Professor für Griechisch am Revaler Gymnasium, wo er seit 1636 auch Geschichte unterrichtete. Im Erstdruck des Gymnasiums erschienen auch seine lateinschen und deutschen Gedichte. Wahrscheinlich fing er schon früh an, sich auch für die estnische Sprache zu interessieren, obwohl dies für eine Lehrkraft des Gymnasiums keineswegs erforderlich war. Er hörte sich in der Heiligengeistkirche in Reval, die schon seit 1531 der estnischen Gemeinde gehörte, Predigten auf estnisch an. Vom Januar 1635 bis April 1636 hielt sich der deutsche Dichter Paul Fleming in Reval auf. Er kam zusammen mit dem Diplomaten–Schriftsteller Adam Olearius als Begleiter des Herzogs Friedrich III. von Holstein–Gottorp. Die Gesellschaft erreichte Reval als Zwischenstation auf einer Orientreise am 10. Januar a. St. 1635. Unter den diesem Ereignis gewidmeten Gedichten waren auch einige Verse Brockmanns. Brockmann und Fleming wurden Freunde und auch andere Lehrkräfte des Gymnasiums wurden mit dem deutschen Dichter bekannt. Es wurde eine literarische "Schäfergesellschaft" gegründet, die Ausflüge und gesellige Abende veranstaltete, gemeinsam musizierte und selbstverständlich auch dichtete. Viele Gedichte aus dieser Zeit sind in der Druckerei des Gymnasiums veröffentlicht worden. An der Hochzeit Brockmanns am 20. April a. St. 1635 nahm wahrscheinlich die ganze Schäfergesellschaft teil. Zu diesem Anlaß veröffentlichte Fleming ein umfangreiches Hochzeitsheft, das sowohl Gedichte als auch eine novellenhafte Rahmenerzählung enthielt, deren handelnde Personen das Brautpaar und andere Mitglieder der Schäfergesellschaft waren.

Während des Reval–Aufenhalts von Fleming schrieb auch Brockmann Gedichte. Neben den oben erwähnten in der Druckerei des Gymnasiums veröffentlichten Hochzeitsliedern (das erste bereits 10. Januar 1634) sind einige, die er Fleming gewidmet und geschenkt hat und die später unter dessen Handschriften gefunden wurden. Nach dem Tod des Dichters sind sie in den gesammelten Gedichten Flemings abgedruckt worden ("Flemings Teutsche Poemata" Lübeck /1646/). Als Fleming 1639 wieder Reval besuchte und sich hier mit der jüngsten Tochter des Kaufmanns Niehusen verlobte (die Beziehung zu der mittleren Tochter dieses Kaufmanns brach ab, da diese während der Abwesenheit Flemings geheiratet hatte), traf Brockmann ihn erneut und tröstete den Dichter in dessen Herzensangelegenheiten. Einige Gedichte aus dieser Periode werden in dem oben erwähnten Sammelband veröffentlicht. Seit 1637 befaßte sich Brockmann intensiv mit der estnischen Sprache. Im Herbst dieses Jahres veröffentlichte er ein estnisches Gedicht, "Carmen Alexandrinum Esthonicum ad leges Opitij poeticas compositum", mit welchem die estnische Kunstlyrik beginnt, wie es Mart Lepik bereits 1932 im Buch "Eesti kirjanduslugu tekstides" (Estnische Literaturgeschichte in Texten) feststellte. Von Brockmann stammen insgesamt 24 estnische Nachdichtungen der deutschen Kirchenlieder, von denen zwei in Zusammenarbeit mit Martin Gilaeus entstanden. Zwei dieser Übersetzungen erschienen im zweiten Teil des "Hand- und Hausbuches" (hrsg. von Heinrich Stahl), im "Gesangbuch" (1637), alle anderen 1656 postum im "Neuen Ehstnischen Gesangsbuch".

1639 verzichtete Brockmann auf das Amt der Lehrkraft des Gymnasiums und wurde Pfarrer in Tristfer/Kadrina in Wirland/Virumaa (anläßlich dessen hielt er seine Rede "Discursus valedictorius"). Seit 1642 war er Assessor des Konsistoriums, seit 1643 Probst in Wirland. In Tristfer widmete er sich der Arbeit an der estnischen Kirchenliteratur, war Mitglied der Kommission für Übersetzung des Neuen Testaments. Er befaßte sich auch weiterhin mit der estnischen Gelegenheitsdichtung. Neben den im Jahr 1637 veröffentlichten Gedichten sind von ihm noch drei Hochzeitslieder auf estnisch bekannt (1638, 1639, 1643 – alle in der Druckerei des Gymnasiums veröffentlicht). Schon seit der Revaler Periode hatte Brockmann enge Kontakte mit den Pfarrern in Estland, ihn verband mit seinen Amtskollegen das gemeinsame Interesse für die estnische Sprache. Offensichtlich galt Brockmann damals als einer ihrer besten Kenner, den viele Theologiestudenten wurden zu ihm nach Tristfer geschickt, um dort estnisch zu lernen. Als Pfarrer führte Brockmann in seinem Kirchspiel Lokalvisitationen durch, als Probst auch klassische Visitationen in ganz Wirland. Aus dieser Periode stammen viele Briefe an den Erzbischof Estlands, Joachim Jhering, die ein Bild über seine Tätigkeit als Pfarrer geben. In diesen Briefen behandelt er ethische und sakramentale Probleme in seiner Gemeinde, die Beziehung der anderen Pfarrer zu ihren Gemeinden in Wirland, aber auch theologische Texte und Auffassungen.

Brockmann starb am 29. November a. St. 1647 in Tristfer und wurde am 14. Januar a. St. 1648 in der Marienkapelle der Revaler Olaikirche beigesetzt.

Das gesamte bis jetzt bekannte Werk Brockmanns enstand in Estland, wo er ingesamt 13 Jahre verbrachte. Ausgehend von den inhaltlichen Kriterien umfaßt sein gesamtes Werk 42 Gedichte. Da aber zwei Gedichte gleichzeitig in zwei Sprachen verfaßt wurden (ein Kirchenlied auf Estnisch und Deutsch, ein Widmungsgedicht auf Griechisch und Latein), steigt die Anzahl der Gedichte auf 44. Davon sind 3 auf Griechisch, 20 auf Latein 19 auf Deutsch und 5 auf Estnisch verfaßt. Die meisten Gelegenheitsgedichte wurden in vier- bzw. achtseitigen Quartbänden veröffentlicht, die in der Regel Werke mehrerer Autoren beinhalten. Es gibt jedoch drei Hefte, die sich auf die Gedichte Brockmanns beschränken: "Oda Esthonica Trochaica" (1639), "Klag- und Trostschrift" (1643) und "Hymenaeus" (1643). Zwei seiner Gedichte wurden postum in Stahls "Leyen Spiegel" (1649) veröffentlicht, fünf Gedichte erst 1865 im zweiten Band des von J. M. Lappenberg zusammengestellten "Paul Flemings Deutsche Poemata". Ein Gedicht auf latein erschien erst 1995 in der Zeitschrift "Akadeemia" (Nr. 7, S. 1407). Über das Vorhandensein eines Gedichtes gibt es nur vage Hinweise.

Die gedruckten Quellen, denen die Gedichte entommen wurden, befinden sich in Riga, in der Abteilung für Raritäten und Handschriften der Fundamentalbibliothek der Akademie der Wissenschaften Lettlands und in der Abteilung für Raritäten und Handschriften der Nationalbibliothek; in Tallinn im Staatlichen Zentralarchiv und in der Baltica–Abteilung der Bibliothek der Akademie der Wissenschaften Estlands; in Tartu in der Archivsammlung des Literaturmuseums und in der Abteilung für Raritäten und Handschriften der Universitätsbibliothek Tartu. Das Autograph des bis 1995 unveröffentlichten Gedichts stammt aus dem Reisealbum von Olearius, in das Brockmann es eigenhändig eingetragen hat. Dieses Album befindet sich im Besitz Herman Veesenmeyers. Die Fotokopie des Autographs hat der Herausgeber der Neuausgabe der Reiseberichte von Olearius Dr. Dieter Lohmeier an Dr. Vello Helk abgetreten, der es wiederum der Handschriftenabteilung der Königlichen Bibliothek in Kopenhagen weiterleitete und eine Kopie zur Veröffentlichung in den Werken Brockmanns übergab.

Die veröffentlichten Briefe werden im Staatlichen Zentralarchiv in Tallinn und im Estnischen Historischen Archiv in Tartu aufbewahrt. Eine Kopie der Rede "Discursus valedictorius" stammt aus der staatlichen Bibliothek in Moskau. Es sind zwei Exemplare des Nachrufs "Vita defuncti" bekannt, das eine befindet sich in der Bibliothek der Universität Tartu, das andere (beschädigte) in der Bibliothek der Akademie der Wissenschaften Estlands.

"Vita defuncti" ist eine biographisch äußerst ergiebige Quelle, die bis 1987 von niemandem herangezogen wurde. Erst anläßlich des 1987 gefeierten 350. Jahrestages der Veröffentlichung des ersten estnischen Gedichts, erinnerte man sich auch wieder dessen Verfassers. Obwohl Brockmann in den vergangenen Jahrhunderten nicht völlig unbekannt gewesen war, erfuhren die Forscher sein Geburtsdatum doch erst aus dem Nachruf. Priidel ist der Meinung, daß Brockmann vor allem Dank seiner 1656 postum erschienenen Übersetzungen der lutherischen Kirchenlieder nicht völlig in Vergessenheit geraten ist. Diese Übersetzungen wurden bereits 1647 von Olearius in seinem Reisebericht "Offt begehrte Beschreibung Der Newen Orientalischen Reise" hoch eingeschätzt: "welcher viel Lutheri Kirchen gesänge vnd Psalmen gar zierlich in die vndeutsche Sprache vnnd Rhytmos gesetzet." Diese Meinung teilten später Christian Kelch (1695) und Friedrich Konrad Gadebusch (1777). 1688 veröffentlichte Henning Witte in "Diarium Biographicum" kurze biographische Angaben über Brockmann, die später von August Wilhelm Hupel (1782), Johan Friedrich von Recke und Karl Eduard Napiersky (1827) wiederholt wurden. Viele neue Angaben finden sich in der "Livländischen Bibliothek nach alphabetischer Ordnung" von Gadebusch, der sogar die Namen des Vaters, der Mutter, des Großvaters väterlicherseits und des Onkels mütterlicherseits ermittelte und viele mit Brockmann verbundene Ortschaften in Deutschland erwähnt (z.B. Gränsdorf, Hamburg, Mecklenburg, Schwan, Steinheim, Westphal, Wigendorf). In diesen Orten sowie in Moskau, St. Petersburg und Riga könnte man auch in der Zukunft nach den Materialien über Brockmann suchen. Besonderes Interesse in Gadebuschs Arbeit verdient die Mitteilung, daß Brockmann auch nach dem Tod seines Vaters 1626 ein griechisches Gedicht geschrieben hat. Dieses Gedicht gilt bis jetzt als verschollen. 130 Jahre nach dem Tod des Dichters erwähnte Gadebusch auch einige Gedichte Brockmanns, die Recke und Napiersky 1827 im "Allgemeines Schriftsteller- und Gelehrten – Lexikon der Provinzen Livland, Esthland und Kurland" mit einer bis heute gängigen Bestimmung "Griechische, lateinische, deutsche und estnische Gelegenheitsgedichte" bezeichneten. In diesem Lexikon wird zum ersten Mal die Rede "Discursus valedictorius" erwähnt. 1849 korrigierte und ergänzte der Kirchenhistoriker Hugo Richard Paucker die Angaben über Brockmanns Tätigkeit als Pfarrer in den Jahren 1639–1647. Auch Dietrich Heinrich Jürgenson erwähnte Brockmann in seiner literaturhistorischen Abhandlung.

Auch Karl Robert Jakobson hob die besondere Bedeutung Brockmanns in seiner zweiten Vaterlandsrede vom 24. Juni 1870 "Kämpfe auf dem estnischen Geistesfelde" hervor. Er betonte in dieser Rede die Wichtigkeit der genauen Kenntnis der estnischen Sprache und rühmte alle, die diese Sprache erlernten und sie zusammen mit der estnischen Kultur förderten – wie Brockmann. Jakobson benutzte in dem nationalen Unabhängigkeitskampf auch Brockmanns Gedicht "Lectori Carminis Esthonici" (Andre mögn ein anders treiben), das der estnischen Sprache Existenzrecht zuspricht, und trug dieses Gedicht als Ganzes vor.

Von den deutsch–baltischen Forschern haben H. Neus sowie Th. Riekhoff Brockmann in unterschiedlichen Kontexten erwähnt.

Bereits seit der Jahrhundertwende nimmt Brockmann einen festen Platz in der Literaturgeschichte ein, die sich mit der ältesten Periode der estnischen Literatur beschäftigt. Seine Gedichte eröffnen estnische Gedichtsanthologien.

Da Brockmanns estnische und anderssprachige Gedichte sowohl inhaltlich als auch formell eine Einheit bilden, kann ihre Poetik nur unter Berücksichtigung seines ganzen Schaffens verstanden werden, wie es auch auf die deutschsprachigen Gedichte von Martin Opitz und Fleming zutritt.

Brockmann befolgt in seinem Schaffen im allgemeinen – wie die ganze Gelegenheitsdichtung im Estland des XVII. Jahrhunderts – die Poetik der neulateinischen Dichtung, die im XVII. Jahrhundert bereits als verbindlich galt. Sie war eines der einflußreichsten Phänomene der neuzeitlichen europäischen Literatur und obwohl ihre Grenzen in der Forschung nicht eindeutig definiert sind, besteht doch weitgehende Einigkeit über ihre Grundeigenschaften.

Die neulateinische Dichtung wurde vor allem als Widmungsdichtung vom XIV. bis zum XVII. Jahrhundert gepflegt. Als Ideale galten hier die römische Dichtkunst und deren elegante Sprachgebrauch. Dennoch entsprechen sich die bevorzugten Versmaße und Strophenformen der neulateinischen und der römischen Dichtung nicht. Brockmann verwendete in lateinischen und griechischen Gedichten am häufigsten das elegische Distichon, in Einzelfällen auch den Hemijambus, die hipponakteische Strophe und die Versform des anakreontischen Liedes. In seinen deutschsprachigen Gedichten stützte er sich auf die Poetik von Opitz. Er schrieb vorwiegend Sonette und Heldenlieder in Alexandrinen, dabei dominierte auch in den Sonetten als Vermaß der Alexandrinern mit männlichem und weiblichem Reim. Anagramme kommen bei Brockmann nur in lateinischen Gedichten vor, ausgenommen ein deutschsprachiges Sonett an Stahl.

Während die Vermaße und Strophenformen in Brockmanns Dichtung je nach der Sprache unterschiedlich sind, bleiben die inhaltlichen Komponenten und die Topik in seiner ganzen Poesie unverändert. Seine Gedichte haben immer dasselbe ideelle Zentrum – göttliche und ewige Tugend, welche zusammen mit der häufig verwendeten Sonnen-, Licht- und Himmelsmetaphorik und der Allgegenwart von Phoibus Apollon dem Schaffen des Dichters eine sehr lichte und strahlende Grundstimmung verleiht.

Wie die intellektuell klare Dichtung von Brockmann immer eine Hauptidee besitzt, so besitzt auch die Komposition seiner Gedichte immer ein und dasselbe Schema par praemium labori, das z.B. folgendermaßen verwendet werden kann: das Gedicht fängt mit der Beschreibung der Tugenden des Adressaten und seiner Decora bzw. seiner Taten an, sowohl direkt als auch über Vergleiche, die in der Regel der antiken Mythologie entstammen. Die Beschreibung der Tugenden bestätigt die dignitas (Würdigkeit). Im folgenden wird darauf hingewiesen, daß der Adressat selbstverständich schon jetzt sehr berühmt ist (notus, insignis), und ein guter und verdienter Lohn im Himmel wird vorhergesagt. In fast jedem Gedicht und besonders oft in den Beerdigungsliedern, erscheint das Adverb merito (verdientermaßen) bzw. eines seiner Synonyme, dem eine direkte Hinwendung zu Gott, daß dies in Erfüllung gehen möge, folgen kann.

Bemerkenswert ist auch der Umstand, daß Brockmann zu den wenigen neulateinischen estländischen Autoren gehört, bei denen sich eine engere, intimere Beziehung zu einem römischen Autor findet. So schrieb er eine direkte Parodie auf Horaz’ Carmina 1.6. Horaz deklariert in seinem Agrippa gewidmeten Lied, daß andere wackeren Kriegern, Heldentaten und großen Leiden huldigen mögen und daß diese es in einer edlen Versform tun sollten, in seinen leichten Liedern werden jedoch nur mit Frauen Schlachten geführt. Auch Brockmann sagt, daß er nicht der Aufgabe gewachsen ist, über die schwere Persienreise von Otto Brüggemann u.a. zu singen, lieber beschreibt er die Heldentaten der Schulbuben im lebensfrohen Gymnasium von Reval. Es kommen bei Brockmann noch weitere Gedichte vor, die auf diesem bei Horaz häufig erscheinenden Motiv "andere mögen anders tun" aufbauen. U.a. beruht auf diesem Motiv das obengenannte deutschsprachige Gedicht aus dem Jahre 1637, das ein Manifest des Dichtens in estnischer Sprache geworden ist; "andere mögn ein anders treiben/ich hab’ wollen Estnisch schreiben..." Auch Brockmanns Widmungsgedicht an Philipp Scheidingh weist Ähnlichkeiten mit Horaz’ Carmina IV.5 auf.

Die Behauptung, Brockmann sei von Catull beeinflußt, erscheint in Bezug auf die Motivik der Gedichte nicht hinreichend fundiert, jedoch bevorzugen beide die hipponakteische Strophe und den Hendekasyllabus. Die Metren von Horaz’ kommen bei Brockmann nicht vor (mit einer Ausnahme der alkäischen Strophe in einer direkten Parodie).

Es ist häufig gefragt worden, welche Rolle Fleming in der Entwicklung Brockmanns gespielt hat. Es wurde sogar behauptet, daß Fleming die Tradition der Gelegenheitsdichtung nach Reval gebracht habe. Hier sollten jedoch folgende Tatsachen beachtet werden:

  1. Brockmann hat schon vor der Begegung mit Fleming Gedichte geschrieben. Davon zeugt unter anderem ein Heft der Gelegenheitsdichtungen aus dem Jahr 1634. Auch war das Jahr 1635/1636, das Fleming in Reval verbrachte, für Brockmann keineswegs wesentlich produktiver, wenn man von den veröffentlichten Arbeiten ausgeht. Auch ist nicht auszuschließen, daß ihm die Poetik von Opitz bereits früher bekannt war, wie Ain Kaalep es bemerkt hat.
  2. Brockmann hat Fleming eine Reihe von Gedichten gewidmet. Er schrieb: "Ich folge dir gemächlich auch von fernen, Bisz man mich auch mit dir sieht unter hohen Sternen." Auch Fleming widmete an Brockmann Gedichte, von denen uns heute 7 bekannt sind. Anläßlich der Hochzeit von Brockmann die obenerwähnte große, aus Gedichten und Prosa bestehende Komposition, die das umfangreichste Werk seiner Revaler Periode ist und die in seinem ganzen Schaffen eine einzigartige Stellung einnimmt.

Diese Tatsachen erlauben es jedoch nicht, größere Verallgemeinerungen über den Einfluß auf Brockmann zu machen.

Sowohl in Brockmanns Werken als auch in der gesamten neulateinischen Dichtung ist das Streben nach dem Ideal so gewaltig, daß die Literatur zu einer tatsächlich außersprachlichen Erscheinung wird, und so ist es auch nicht möglich, die Frage zu beantworten, welcher Nation Brockmann als Dichter eigentlich zuzuordnen ist und in welcher Anthologie seine Gedichte veröffentlicht werden sollten.