Kristin Sak
In den Sitzungsberichten der Gelehrten Estnischen Gesellschaft 1899 teilte J. Carlblom mit:
"Beim Ordnen der Briefe und sonstigen Papiere aus dem Nachlaß meines Großvaters, weiland Propst zu Tarwast/Tarvastu in Livland, fand sich unlängst ein aus acht Blättern bestehendes Heftchen in Quartformat, auf dessen Titelseite folgende Dedikation steht:
Die drei Horazischen Oden
ins Estnische übersetzt
widmet
Seiner Hochwürdigen Magnifizenz
dem Herrn General Superintendent
und Präses der Livl. Oberconsistoriums
Dr. Sonntag
aus tiefster Hochachtung
am ersten Tage des Jahres 1822,
Heinrich Bochmann
zu Audern." (Carlblom, 1900).
Der Widmung die Übersetzungen folgen der drei Horazischen Oden (1.1, 1.2, 1.3) parallel zu den lateinischen Originaltexten sowie kurze deutschsprachige Inhaltszusammenfassungen. Carlblom hatte die bisher ältesten Übersetzungen der römischen Lyrik ins Estnische gefunden.
Doch fand der glückliche Fund keinen Widerhall, der sich weder in den folgenden Sitzungsberichten noch in den anderen Archivalien der Gelehrten Estnischen Gesellschaft spiegelt /EHA, B. 2569, V. 1, M. 59–61/. Nachträglich ist es schwer festzustellen, ob die Qualität der Übersetzungen von den anderen Gesellschaftsmitgliedern in Zweifel gezogen wurde oder ob es an anderen Gründen lag. Ganz anders ging es ein paar Jahr später mit den vom Professor Gustav Suits gefundenen ältesten Übersetzungen der altgriechischen Lyrik von Kristian Jaak Peterson: Habent sua fata translationes.
Seine Grundkenntnisse in lateinischer Sprache erwarb Heinrich Bochmann (1776–1835) in den Jahren 1782–1793 in der Pernauer Stadtschule. Die Eltern – Ratsherr und Kaufmann Johann Gottfried Bochmann und die Mutter Maria Elisabeth Bochmann – gehörten nicht zu den reichsten Bürgern der Stadt, lebten aber doch so wohlhabend, daß sie ihrem Sohn eine Laufbahn als Gelehrter ermöglichen konnten. Vor dem Besuch der Universität nahm Bochmann noch Privatunterricht bei dem Direktor der Stadtschule, Hr. Scherwinsky (Willigerod, 1835b), offensichtlich bildete auch die lateinische Sprache einen Teil dieses Unterrichtsprogramms. Die Wahl einer Universität fiel auf die Academia Albertina in Königsberg, eine von Balten–Deutschen im XVI.–XVIII. Jahrhundert häufig besuchte Einrichtung (Tering, 1994). Erstens wirkte die geographische Nachbarschaft der Hochschule, zweitens lockte das prominente Gelehrtenkollegium (Willigerod, 1835b), so hat Immanuel Kant noch bis zum Jahre 1796 Vorlesungen gehalten und andere damals berühmte Wissenschaftler waren die Professoren Pöschke, Hasse, Wald, Mangelsdorf, Graf und Reikard /EHA, B. 1274, V. 3, M. 7894/. Die von Bochmann gewählte Fachrichtung war die "Theologie und die damit in Verbindung stehenden Nebenwissenschaften" (Willigerod, 1835a) – ob dazu auch das klassische Latein gehörte, ist nicht bekannt; auf jeden Fall ermöglichte ihn die in Königsberg erhaltene Bildung seine spätere Tätigkeit als Pastor. Das aufklärerische Denken spiegelte sich dann auch in seinen späteren Publikationen ("Eesti Marahwa Näddala–Leht") sowie in dem Gesang eines aus Bauernkinder bestehenden Knabenchors in der Audernschen/Audru Gemeinde wider (Bochmann, 1813a; 1813c).
Zwischen Universitätsabschluß (1796) und zu der Übersetzung der Horazischen Oden blieben noch 26 Jahre. Über diese Periode müssen wir an dieser Stelle länger schreiben um die Dedikation der Oden besser verstehen zu können. Denn Bochmann war nach Beendigung des Studiums für ein Jahr im Pernauer Landkreis im Gutshof Kailase/Kaelase (Naaber, 1981) in der Familie von Derfeld als Hauslehrer tätig (Willigerod, 1835b). Am 28. Februar 1798 wurde er an der Pernauer estnischen Gemeinde ins Pastoramt vociert, im dasselben Jahr im Mai von Generalsuperintendent Danckwart ordiniert und im Juli von Propst Lisch introduciert /EHA, B. 1274, V. 3, M. 7894/. Es folgten zehn Arbeitsjahren an der estnischen Gemeinde in Pernau/Pärnu. Im Jahr 1807 erhielt er einen Ruf vom Kirchenpatron und Gutsherrn Major Jacob Johann Pilar von Pilchau nach Audern (Carlblom, 1900). Vor der Ordination und Introduktion am 13. Oktober durch Propst Lisch hat Bochmann am 29. September mit Generalsuperintendent Sonntag über das Übersiedeln nach Audern ein Gespräch gehalten /EHA, B. 1274, V. 3, M. 7894/. Karl Gottlob Sonntag war seit dem Jahre 1803 der Livländische Generalsuperintendent und Mitglied der Schulkommission der Universität Dorpat (Tartu...II, 1982). Von den Aufklärungsideen tief beeinflußt, sah er die Wichtigkeit der Bildung der Landbevölkerung und die Bedeutung der Schulen (sein Verdienst ist die klarformulierte Forderung nach Gründung von Gemeinde– und Parochialschulen sowie von Lehrerseminaren in der Livländischen Bauernverordnung von 1819), auch hat er die Geschichte der Kirche und Schule erforscht (der erste spezielle Aufsatz über die Bauernschulen), mehrere Zeitschriften herausgegeben und redigiert (Laul, 1989). Offensichtlich hat Sonntag auch im Leben von Pastor Bochmann eine wichtige Rolle gespielt, warum sonst findet sich ein Hinweis auf dieses Gespräch aus dem wenigstens teilweise von Bochmann selbst geschriebenen, sehr kurzen und lapidarischen Lebenslauf im Metrikbuch der Audernschen Gemeinde /EHA, B. 1274, V. 3, M. 7894/ und warum sonst widmete Bochmann seine sog. in den Schublade geschriebenen Übersetzungen – die nicht für das Publizieren gedacht waren – Herrn Sonntag. Beide Männer verbanden wahrscheinlich die gemeinsamen Ideen im Bereich von Kirche und Bildung, aber auch die hierarchische Beziehung zwischen dem Superintendenten und dem einfachen Pastor sollten wir nicht übersehen. Beide Komponenten reflektieren sich auch in der Auswahl der übersetzten Oden. So wendet sich Horaz in seiner Ode 1.1. sowohl an seinen Patron als auch an seinen geschätzten Freund Maecenas o et praesidium et dulce decus meum (o mein Schutz und meine angenehme Pracht) (Colamarino, 1993; Nisbet u. Hubbard, 1970). Ähnliches gilt für das Verhältnis zwischen Bochmann und Sonntag. Auch hier findet sich einerseits Unterordnung und andererseits intellektuelle Vertrautheit zweier verwandschaftlichen Geister. Ob allerdings die Übersetzungen mit ihrer ergebenen Widmung jemals auch den Adressat Sonntag erreichten, ist unbekannt.
Wenn wir als Auswahlkriterium des Übersetzens der ersten Ode den Adressaten annehmen dürfen, so ist die Wahl der zweiten und dritten Ode des ersten Buches mit den allgemeinen sozialethischen Prinzipien des Übersetzers eng verbunden. Das Hauptthema der genannten Oden ist das freche Überschreiten des Menschen von Grenzen, die ihm von der Natur oder von der Gesellschaft diktiert sind, und die dafür erlittene Strafe (Williams, 1969). In der zweiten Ode rächt sich die Natur durch eine schreckliche Wetterveränderung für die Ermordung von Caesar (dazu wird auch das Motiv der Erlösersuche hinzugefügt), in der dritten Ode bestraft die Natur Menschen, die sich als Seefahrer immer weiter auf’s offene Meer hinauswagen, ohne dessen Grenzen zu achten (Carrubba, 1984). Selbstverständlich waren solche später von den Christen anerkannten Sujets für einen Pastor zum Übersetzen und zum Widmen geeigneter als die anderen Oden von Horaz (z.B. seine Liebesbehandlung oder die carpe diem' Ode oder die den goldenen Mittelweg propagierenden Oden). Die Textwahl des Übersetzers wird besonders verständlich, wenn wir uns die persönlichen Charakterzüge von Bochmann ansehen, wie sie aus dem Nekrolog im Litterärischer Begleiter des Provinzialblattes im Jahr 1835 hervorgehen: "Als Prediger in Pernau und in Audern, sowie auch als Vicepropst und Propst, erstrebte Bochmann keinen anderen Lohn als den nas schöne Bewußtsein der gewissenschaftlichsten Pflichterfüllung zu gewähren vermag. Nicht nur suchte er seinen Gemeindemitglieder als Religionslehrer und Seelsorger nützlich und segensreich zu werden, auch ein liebender, gütiger Vater derselben bemühete er zu sein, und zugleich durch sein eigenes Beispiel sie zu wahrer, ächter Religiosität und zu einem tugendhaften Leben hinzuleiten." (Willigerod, 1835a).
Also können wir auf die Fragen: "Wie und warum sind die ersten Übersetzungen der römischen Lyrik ins Estnische entstanden?" oder "Was war der Grund der Übersetzung der Horazoden?" zwei Antworten geben. Einerseits war das die Danksagung des Übersetzers an den langjährigen Gesinnungsfreund und Patron Hrn. Sonntag, andererseits auch die Möglichkeit, durch die Aussage der übersetzten Oden seine eigenen allgemeinethischen Ansichten zum Ausdruck zu bringen.
***
Die Dichtung von Horaz ist nie ein leichter Stoff für irgendeinen Übersetzer oder Interpreten gewesen. Vor allem ist die Sprache der Werke im Vergleich zu den anderen römischen Poeten ganz originell: man findet viele griechische grammatische und syntaktische Konstruktionen, im Wortschatz viele Eigennamen, Spezialterminologie, Graezismen, neuen und schokierenden Wortverbindungen (sogenannte callida iunctura), Epitheta und Wortspiele (Nisbet u. Hubbard, 1970). Man kann die Werke von Horaz ohne umfassende Erudition auf dem Gebiet der antiken Mythologie nicht lesen und verstehen. Erstens kommen in seiner Dichtung sehr viele mythologische Anspielungen vor, und natürlich muß das mythologische Material dem Leser genauso vertraut sein wie dem Autor selbst, damit er aus den neuartig kombinierten Beispielen eine konkrete politische Situation oder Beziehung erkennen kann (Williams, 1969). Wenn man jetzt noch an die zahlreiche geographischen, alltäglichen und ethnographische Hinweisen und die anhaltenden Stil- und Tonveränderungen in der Entwicklung der Oden denkt (Nisbet; Hubbard, 1970), erscheintd die Unternehmung von Bochmann recht gewagt. Von den Kritikern sind denn ja auch die Übersetzungen von solchen Meistern als Dryden (Tamer, 1995), August de Platen, Günther (Hrandek, 1993) u.a. verrissen worden. Später hat Ain Kaalep die erste Ode für "Rooma kirjanduse antoloogia" (Die Anthologie der römischen Literatur) (Torpats; Kaalep, 1971) zu übersetzen versucht, von der zweiten und dritten Ode haben wir bis heute in der estnischen Sprache nach Bochmann überhaupt keine weitere Übersetzungen. Basierend auf eine 1995 an der Universität Tartu eingereichten Diplomarbeit wird im folgenden anhand der markantesten Übersetzungscharakteristiken die Antwort auf die folgenden Fragen gesucht:
wie sind die Übersetzungen von Bochmann beschaffen und wie spiegeln die Übersetzungen den Übersetzer und die Übersetzungszeit wider?
Meines Erachtens ist es nicht besonders einseitig zu behaupten, daß die Horazübersetzungen von Bochmann zu gleicher Zeit, sowohl die Übersetzungen als auch die Interpretationen sind. Zweifellos kann man sagen, daß der Autor der Übersetzungen ein Theologe, ein tief mit der christlichen Religion verbundenes Mensch war. Sehen wir uns in der Frage cui dabit partis scelus expiandi Iuppiter? (wem weist Jupiter die Rolle zu das Verbrechen wieder gut zumachen) an, wie Bochmann: Kel saab Jupiter käsko andma pattosüüd ärrakustutada? (1.2.29) das Wort scelus übersetzt hat. In der Antike hatte das Wort scelus folgende Bedeutungen: Verbrechen, Frevel, Frevelmut, Ruchlosigkeit, aber weiter auch schon Unglück und Schurke. Schuld meinte entweder finanzielle Schulden (debitum, pecunia) oder Verbrechen, Überschreiten (culpa, vitium) von juristischen, politischen oder ethischen Konventionen des Gesellschaftes. Bochmann übersetzt scelus mit dem Sündenschuld und bekommt damit eine feste moralische, verinnerlichte christliche Bedeutung. (Vergleichen Sie mit dem Vaterunser Matt.6.10.: et dimitte nobis debita nostra). Wenn zur Zeit von Bochmann Tätigkeit in der estnischen Sprache schon das Wort büben (lunastama) existiert hätte, dann hätte also die Wendung scelus expiandi in der Übersetzung auf jeden Fall rein theologisch die Sünde büben (süüd lunastama) gelungen.
Im Schlüsselsatz der dritten Ode Gens humana ruit per vetitum nefas (1.3.26) sind die drei letzten Wörter entscheidend. Bochmann übersetzt: ei holi /.../ rahwas ka neist asjust ühtegi, mis pühhaste petakse. Hier also ein entgegengesetztes Beispiel im Vergleich mit dem Obenerwähnten. Statt der sehr festen und juristisch eindeutigen Bedeutung die das Wort vetitum in der Antike besaß (das veto war in der Antiken Welt das Recht des Volkstribunes, die Beschlüsse des Senates zu verbieten oder zu stoppen; von hier auch die Bedeutung in den modernen Sprachen) und der Wortbedeutung nefas, das das von den antiken Göttern Verbotene bezeichnete (Carrubba, 1984), ist in der Übersetzung eine vage Umschreibung: neist asjust, mis pühhaste petakse (von den Sachen, die heilig sind).
Ebenso finden in Zeile 38 der dritten Ode wir eine abgeschwächte Periphrase (die den christlichen Gedanken der Gnade einbezieht): caelum ipsum petimus stultitia. Stultitia gehört im antiken Kontext jedoch zum niedrigen Stil und bei Horaz erfüllt dieses Wort die Funktion den Diatribenstil zu imitieren (die Diatribe war ein freies, ungezwungenes moralphilosophisches Gespräch mit einfachen und wenigen Stilmitteln) (Schmidt, 1967). Die Bedeutung des Wortes stultitia ist 'Dummheit, Ignoranz'. Bochmann zieht erstens die längere und mildernde Umschreibung (rummal meel) vor und hat zweitens in seiner Übersetzung die niedrige Stilebene durch eine Ermahnung ersetzt.
Das für Bochmann besonders Wesentliche der Oden wird in seine deutschsprachigen Inhaltsangaben deutlich: besonders charakteristisch ist die Zusammenfassung der zweiten Ode (Carlblom, 1900): "Der Dichter schildert den Aufruhr der Elemente infolge der Ermordung Caesars: unendlicher Schnee, Hagel, Blitz, Tiberüberschwemmung. Von der Schilderung dieser Leiden des Staates wendet sich der Dichter zum Retter aus demselben, den er nur in einer Gottheit finden kann, wenn es ihm auch noch zweifelhaft ist, welche Gottheit diese Rettung übernahmen will. Der Retter ist – und das ist der Gipfelpunkt der Ode (meine Sperrung- K. S.) – der Caesar Augustus".
Nochmals können wir sehen, wie Bochmann das antike Sujet in den Rahmen des christlichen Kontextes gestellt hat.
Die erste Horazode dient als Beleg für die Behauptung "Die Laufbahn sei die Quelle der Freude, die Lebensrichtung werde Grundlage für Erhebung, Glück, Genuß. Erst die Freude mache den Menschen zum Menschen" (Schönberger, 1966). Einen Grund dafür geben die in der Ode wiederholten Wörter, die die Freude bezeichnen (iuvat , iuvant, gaudentem, decus). Bochmann aber sagt in seiner Zusammenfassung: "Ich habe meine Last (meine Sperrung – K. S.) und Freude – sagt Horaz – am Dichten..." (Carlblom, 1900), ebenso verwendet er in der Zusammenfassung statt des Verbes 'sich freuen' die Wörte verlangen und sterben. Klingt das nicht überraschend ähnlich der Bibelidee "jeder muß seine Last selbst tragen?".
Die semantischen Verschiebungen können auch aus den lückenhaften Kenntnissen der estnischen Sprache des Übersetzers entstanden sein und können einen unfreiwillig komischen Effekt erzielen. So ist z.B. Erycina (=Venus) ridens (1.2.33) ('die lachende Venus') in der Übersetzung rõmsaste irwitaw Venus (die froh grinsende Venus). Ein ernster Römer wäre beim Lesen dieser Übersetzung tief beleidigt und böse, wurde doch Venus nach der offiziellen Mythologie für die Urmutter des römischen Volkes gehalten (die Mutter von Aeneis) und der Kult der Ahnen können wir bei den Römern mit dem Kult der Götter vergleichen. Es ist weniger wahrscheinlich, daß das Problem hier aus den geringen Kenntnissen der antiken Kultur des Übersetzers herrührt, glaubhafter ist die Version von den geringen Kenntnissen der Zielsprache, d.h. der estnischen Sprache des Übersetzers.
Ein großes Problem bilden in den Übersetzungen von Bochmann auch die Eigennamen oder genauer: die griechischen und römischen Eigennamen treten wechselweise in der latinisierten oder in der germanisierten Form in einer eigenartigen gemischten Rechtschreibung auf. Daß Bochmann Eigennamen transformiert hat, scheint mir kein ausreichender Grund für die Annahme, er habe seine Übersetzung ohne Kenntnis des lateinischen Originals angefertigt oder das lateinische Original einfach nur als Hilfsvariante benutzt. Vielmehr können folgenden Umständegeltend gemacht werden:
Es folgen einige Beispiele, wie Bochmann Eigennamen schrieb:
auf Latein auf Estnisch in der Übersetzung von Bochmann
Maecenas 1.1.1 Mätseen
Olympicum 1.1.3. Olimpe
Cypria 1.1.13. Sipre
Africum 1 1 15. Ahwrikus
Lesboum 1.1.34. Lesbi
Cupido 1.2.34. Kupido
Vergilium 1.3.6. Wirgil usw.
Beim Übersetzen einiger Eigennamen scheint es dem Übersetzer wichtig gewesen zu sein, gleich im Text einige Erklärungen zu geben: also Massi wina (der Wein von Massicus) pro Massici 1.1.19, Persiarahwale (dem persischen Volk) pro Persae 1.2.22, Romarahwas (das römische Volk) pro Quiritium 1.1.7, naljaheitminne (Spaßmachen) pro Iocus 1.2.34. Also wählt er – wenn wir die Termini der modernen Übersetzungstheorie berücksichtigen – die Kompensation: er fügt dem Eigennamen den erklärenden Gattungsname hinzu oder ersetzt die betreffende lexikalische Einheit mit anderen Begriffen an derselben Stelle.
Auch andere markante lexikalischen Einheiten wie Prosaismen, Archaismen, Vulgärsprache, Fachterminologie, Metaphoren haben dem Übersetzer Schwierigkeiten bereitet. Das griechische Lehnwort und zugleich ein Musikterminus barbiton, ein tiefklingendes Saiteninstrument in der Antike, ist in der Übersetzung plötzlich leier (Drehorgel, Leierkasten). Weil in der deutschen Sprache dasWort Leier sowohl die Lyra als auch den Leierkasten bedeuten kann, war Bochmann wahrscheinlich der Meinung, daß die semantischen Flächen des Wortes in Deutsch und in Estnisch gleichwertig sind. Die Esten unterscheiden aber klar zwei verschiedene Instrumente – den Leierkasten und die Lyra – und haben zwei verschiedene Termin dafür estnischen Ausdruck. Für Barbiton haben wir aber bis heutzutage keinen entsprechenden estnischen Ausdruck, so daß auch in der Übersetzung von Ain Kaalep (Torpats; Kaalep, 1971) Polyhymnia noch die lesbische Lyra stimmen muß.
Um beim Leser nicht den Eindruck zu erwecken, daß der Übersetzer über die Stilnuancen des estnischen Wortschatzes keine Ahnung gehabt hatte, hier ein gegensätzliches Beispiel: Die erste Ode beginnt mit den Wörtern Maecenas atavis edite regibus (Maecenas, der du ein Sprößling aus den königlichen Ahnen bist). Das Wort edite (vocativus aus dem Wort editus) ist von vielen Kommentatoren als hochstilistisch betont (Nisbet, Hubbard, 1970; Schönberger, 1966); dem entspricht genau die Übersetzung von Bochmann: wösso (võsu, Sprößling). Aus der Übersetzung von A. Kaalep (Torpats; Kaalep, 1971) ist die Nuance des gehobenen Stils verschwunden, dort ist Maecenas einfach der Sohn der fürstlichen Eltern.
Die letzten Beispiele führen uns zu unserem nächsten Problem: die Kenntnis der estnischen Sprache von Bochmann und seine Sprachverwendung in den Übersetzungen. Zeitgenossen haben dazu ganz Verschiedenes gemeint. So schreibt J. Carlblom (1900): "Das Bochmann ein tüchtiger Kenner der estnischen Sprache gewesen sein muß, wußte ich schon früher: in einem Briefe meines Großonkels, Pastors zu Nuckö aus dem Jahre 1821, an seinen jüngeren Bruder, meinem Großvater /.../ heißt es /.../: Ich kann deine Fragen aus dem Gebiete estnischen Sprachgeschichte nicht beantworten, will mich aber gern deswegen an Bochmann nach Audern wenden; der ist ja in aller Fragen, die sich auf die estnische Sprache beziehen, eine Autorität erstes Ranges".
Auch Johann Heinrich Rosenplänter nennt in seinen "Beiträgen zur genauern Kenntnis der estnischen Sprach" (Bochmann, 1813a) Bochmann neben dem Schulinspektor Johann Wilhelm Luce und Pastor Peter Heinrich Frey einen der besten Kenner der estnischen Sprache unter den Mitarbeitern der Ausgabe. Die zeitgenössischen Esten an der Spitze Otto Wilhelm Masing halten die Sprachkenntnisse von Bochmann zu gering und so sind seine Aufsätze im Wochenblatt "Marahwa Näddala–Leht" nie erschienen (Anvelt, 1979). Ein wesentlicher Grund dafür könnte die Tatsache sein, daß Bochmann bis zum Jahre 1825 die ersten Neuerungen der estnischen Rechtschreibung – der doppelte Buchstabe für die zweite und dritte Dauerstufe in den einsilbigen mit langem Vokal endenden Wörtern in der letzten Position und in den Komposita (Carlblom, 1900) – nicht anerkannte. Was zeigt aber außerdem die Sprache seiner Horazübersetzungen?
Heinrich Bochmann verwendet in seinen Horazübersetzungen wirklich die alte Rechtschreibung, obwohl er darüber keinen ganz korrekten Überblick hatte. So hatte er keine feste Vorstellung von der Schreibung der verschiedene Vokallänge in der betonten offenen Silbe (bald holi, tiwastega, bald suure, leeri) und in der betonten geschlossenen Silbe (bald mõka, meel, bald aber likudes, putuda). In der Rechtschreibung des Buchstabes gibt es große Schwankungen: bald können wir finden (sõdda, õõlus), bald schreibt er ö (wösso), a (parrandatte), in den Diftongen ist meist deformiert (keige, woido, joudma), aber auch tõeste, tõe, jõe. Wahrscheinlich brachte Bochmann zunächst das Verwenden des mit festen Wortstammen in Zusammenhang, hatte doch dieser Buchstabe in der estnischen Sprache damals eine erst kurze Vergangenheit gehabt. Auch die Zusammenschreibung ist nicht einheitlich, die einzelne feste Regel, so scheint es mir, bilden die mit Reduplikation abgeleiteten Wörter (z.B. issa issa, laste laste, teise teise), die immer getrennt geschrieben sind.
Auf der Morphologie- und Satzlehreebene gibt es in Hülle und Fülle Germanismen:
Haben auf die Sprache des Übersetzers auch die Dialekte der Sprachumwelt einen Einfluß gehabt? Die Audernsche Gemeinde und die Stadt Pernau befinden sich bekanntlich auf dem Gebiet der nordestnischen Mundartgruppe und gehören genauer zum westlichen Dialekt. Die selbstgeschriebenen Volkslieder von Bochmann verraten wirklich zwei Charakteristika der westlichen Mundart. Vor allem ist aus der anlautenden Konsonantengruppe der erste Konsonant verschwunden (laas pro klaas), zweitens sind alle Inessive in der dritten Dauerstufe (kardas pro karras, kuldas pro kullas). Auch in den Odenübersetzungen kann man die letzte Erscheinung finden und auch der Konsonant ‘v’ ist in der Wortmitte zwischen der zwei Vokalen verschwunden (tuide). Daß Bochmann kein systematischer Kenner der estnischen Dialekten war und die Dialektismen in seinen Übersetzungen nicht bewußt verwendet sind, zeigt die Konsonantverbindung tk (statt kk) -pitk, pitkne – die eigentlich nur für die südestnische Mundartsgruppe charakteristisch sind. Diese Eigenart kommt sowohl in den Odenübersetzungen als auch in den Volksliednachahmungen vor. Die Unkenntniss des Übersetzers auf dem Gebiet der Dialektologie demonstrieren auch das Negationswörtlein ‘ep’, die Wörter aus dem südestnischen Dialekt halling (allikas, Quelle), kat'sda (vaadata, sich ansehen). Die totale Analyse der dialektologischen Kenntnis von Bochmann erwies sich aber als unmöglich, weil es mit keiner Methode möglich ist genau festzustellen, wo ein echter Dialektismus, wo aber der Wankelmut der Rechtschreibung und wo einfach die schlechte Sprachkenntnis des Übersetzers sich zeigt.
Einerseits ist die relativ schlechte Qualität der Übersetzungen natürlich das Resultat der ungenügenden Sprachkenntnisse des Übersetzers, andererseits ist das Problem in der Armut der damaligen estnischen Sprache. Auffallend klar wird das bei der Analyse einiger entsprechender Ausdrücke in den Horazübersetzungen. Die Wörter laup (die Stirn), usaldama (vertrauen) kamen in die estnische Sprache erst am Anfang des XX. Jahrhunderts mit der Sprachneuerung, so mußte Bochmann statt deren einfach pea otsa (die Spitze des Hauptes) und uskuma (glauben) schreiben. Mälestusmärk (das Denkmal) war ein unbekannter Begriff in der Bauernkultur, dafür erfand Bochmann die wendung mällestusse asju. Am markantesten ist es mit dem Wort triumfidega (mit den Triumphen), die in der Übersetzung als suured nähtavad auasjad (große sichtbare Ehrensachen) erklärt wird. Obwohl keine von Bochmanns Wortschöpfungen Eingang in die estnische Sprache fanden, sind sie doch ein Zeugnis der aufklärerischen Bestrebungen, Fremdwörter "ins Estnische" zu adaptieren und nicht einfach zu übernehmen.
Zusammenfassend kann man konstatieren, daß für die Übersetzungen von Bochmann einerseits sehr tiefe Kenntnis der Ausgangssprache, der Ausgangskultur und von Horaz selbst charakteristisch sind; die Kenntnis der Rechtschreibung, Grammatik, Satzlehre, Dialektologie, Wortschatz und Kultur der Zielsprache hingenen war eher schlecht. Dennoch sind die Übersetzungen in ihrer Sprachkreativität hochinteressant, die besonders auf der lexikalischen Ebene sichtbar wird. Im an sich gelungenen, von Aufklärungsideen beeinflußten Übersetzungsexperiment sind wegen der tiefchristlichen Ansichten des Übersetzers einige semantische Verschiebungen enthalten, zum Glück beschränken diese Fälle sich meistens auf die textäußerlichen Kommentare. Obwohl in unserem Kulturraum diesen Übersetzungen keine Aufmerksamkeit geschenkt wurde, können wir auch selbst seinem Opus nichts entgegensetzen, weil wir einfach keine anderen Übersetzungen dieser Oden haben. Hoffentlich führt das anregende Vorbild von Bochmann die neue Generation der estnischen klassischen Philologen schon bald zu dieser Arbeit, weil verba volant, scripta manent.
Literatur
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Willigerod, Ph. v. Heinrich Bochmann, Propst des Pernauisches Kreises und Pastor in Audern. // Literärischer Begleiter des Provinzialblattes. Pernau, 1835a, Jhg., 8, Nr. 08. VIII, S. 62–64.
Willigerod, Ph. v. Heinrich Bochmann, Propst des Pernauisches Kreises und Pastor in Audern. // Provinzialblatt für Kur-, Liv- und Ehstland. Pernau, 1835b, Jhg., 8, Nr. 08. VIII, S. 126–127.
Archivmaterialien und Quellen
Estnisches Historisches Archiv (EHA)
EHA, Bestand 1274, Verzeichnis 3, Mappe 7894
EHA, B. 1288, V. 1–2
EHA, B. 2569, V. 1, M. 59
EHA, B. 2569, V. 1, M. 60
EHA, B. 2569, V. 1, M. 61