CLINICUM UNIVERSITATIS DORPATENSIS –

AKTUELLES ÜBER GESCHICHTE DER DORPATER/TARTUER UNIVERSITÄTSKLINIKEN

Heino Noor

Die unklaren und nicht gerade leichten Verhältnisse einer Übergangszeit kennzeichnen heute die Situation der Medizin in Estland und Dorpat. Es gibt mehr als nur einen Grund, in diesem von deutscher Kultur stark beeinflußten Raum sich der Geschichte und der durchhaus lehrreichen Gründungszeit der Universitätsklinika von Dorpat zu erinnern.

Schon in der sog. schwedischen Zeit von 1632 bis 1656 wurde an der Universität Dorpat, die damals Academia Gustaviana hieß, Medizin erforscht und gelehrt, bis dann die Stadt von den russischen Truppen erobert und zerstört wurde (näheres Käbin, 1986:16). Das wiederholte Eindringen des russichen Heeres veranlaßte die Verlegung der Dorparter Hochschule nach Pernau an die Westküste Estlands. Medizinische Hochschulbildung konnte man zu jener Zeit an verschiedenen Akademien erlangen. Eine Lehranstalt war die berühmte "De humani corporis fabrica" von Vesalius in der Renaissancezeit, an der die deutschen Professoren Jacob Friedrich Below und Sebastian Wirding tätig waren (Käbin, 1986:12). 1660 scheiterte der Versuch, eine Universitätsklinik einzurichten, an wiederholten Überfällen aus dem Osten und den wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

Das durch den Zar Peter I. geschaffene historische "Fenster nach Europa" bot zwar für Rußland eine Möglichkeit, die Gründung des Imperiums voranzutreiben und frischen Wind nach Rußland hereinzulassen, verhinderte aber für fast ein Jahrhundert die Aussicht auf die Wiedereröffnung der Universität Dorpat, den medizinischen Lehrbetrieb und die Ausübung der praktischen medizinischen Hilfeleistung auf dem minimalsten Niveau. Im Nordischen Krieg, in der Schlacht bei Narva 1710, wurden die Verwundeten von Professoren der Universität Dorpat und in Holland ausgebildeten Ärzten versorgt.

"/.../ Mancher Staat verliert Menschenleben nicht so sehr durch Krieg und ausgebrochene Epidemien, als durch das Fehlen einer Gesundheitsaufsicht und schlechte Ärzte. Opfer dieser Todesengel sind täglich Hunderte von Menschen. Viele graue, mittelmäßige Ärzte kann man selbst mit einer Seuche vergleichen. Es wäre besser, es gäbe sie nicht /.../". Mit diesen Worten wandte sich Daniel Georg Balk (23. Juni 1784 Königsberg – 15. Januar 1826 Tula) – 80 Jahre nach der Eingliederung von Dorpat in das russische Imperium – an Carl Magnus von Pahlen, den Generalgouverneur von Livland und Kurland. Der Verfasser dieses öffentlichen Briefes von 1795, Balk, hatte an den Universitäten Königsberg und Berlin studiert und war damals Arzt im Kreis Jekavpils in Kurland und im Kurort Baldone. Später, mit 38 Jahren, wurde Balk (nach Georg Friedrich Parrot) der zweite Rektor (1803–1804) der im Jahr 1802 wiedereröffneten Universtiät von Dorpat.

Er kam aus dem Europa der Aufklärungszeit und erwähnte wiederholt in seinen Briefen an die Machthabenden, daß "/.../ denen, die einen kranken Menschen behandeln wollen, eine wirklich gründliche medizinische Hochschulbildung vorausgesetzt werden sollte. Also müßte der Staat eine dementsprechende Bildung ermöglichen /.../".

In den noch in Kurland verfaßten Schriften erwähnte Balk wiederholt das offene Denken der Monarchin Katharina der Großen. Balk – unter anderem ein anerkannter Poet – schloß in seinem öffentlichen Brief durchaus eindeutig: "/.../ Nur wenn der verehrte Generalgouverneur von Pahlen, unter Katharina II. handelnd, die Notwendigkeiten der medizinischen Wissenschaft in Betracht zieht, /.../ schmückt sein Haupt der Lorbeerkranz der Klugheit und Weisheit, in dem Blüten der Menschenliebe in Fülle eingeflochten sind /.../".

Was in Kurland oder Riga nicht verwirklicht wurde, gelang in der livländischen Stadt Dorpat. Der Gelehrte Balk wurde 1802 erst als Professor für Pathologie und Therapie an die wiederöffnete Universität berufen. Im Frühjahr 1804 gründete er auf dem sog. Rigaer Berge/Riiamäe im ehemaligen Haus Dahlström (auf dem jetzigen Grundstück zwischen Riia Str. 10 und Tähe Str. 1) ein CLINICUM mit 8–10 Betten, um dort Kranke zu pflegen und den Studenten der medizinischen Fakultät eine Praxismöglichkeit zu bieten.

Die Eröffnung der Klinik am 1. Mai 1804 gilt als Gründung der Universitätsklinik von Dorpat. Aus den Berichten von Ludwig Struve (1827) geht jedoch hervor, daß schon ab Anfang des Jahres 1804 Kranke dort aufgenommen wurden. Die Tätigkeit an der Universitätsklinik dauert in verschiedenen Gebäuden bis heute ununterbrochen an. Im Rahmen des CLINICUM’s begann man, bei Bedarf auch ambulante ärztliche Hilfe zu leisten – kostenlos für Arme und Notleitende (Dörptsche Zeitung, 1. Mai 1804).

Also gründete Balk die Universitätsklinik, als er selber Rektor war. In der Geschichte der Alma Mater Dorpatensis haben die Rektoren wiederholt solche, ihr Fachgebiet unterstützende Schritte unternommen, und man darf hoffen, sie tun das auch heute und weiterhin in der Zukunft.

Das zunächst in einem umgebauten Wohnhaus eingerichtete Clinicum entwickelte sich sehr schnell zu einer dringend benötigten Pflegeeinrichtung. Zu dieser Zeit existierten überall in Europa und Rußland sogenannte Siechenhäuser – wohltätige Einrichtungen, in denen "Geplagte und Belastete, Dürftige und Leidende" untergebracht wurden. Ein solches Siechenhaus befand sich in Dorpat, in der heutigen Magazin–Straße. Der Aufenthalt im Clinicum war ebenfalls für die Armen kostenlos, darüber hinaus bestand nun auch die Möglichkeit, die Kranken ambulant zu behandeln und bei Bedarf zu Hause zu besuchen. Allerdings wurden jene, bei denen die Studenten immer dieselben, chronischen Krankheitsbilder behandeln mußten, nicht mehr aufgenommen (Kõrge, 1982:156).

So entwickelte sich das zunächst improvisierte Dorpater CLINICUM in Ost–Europa hinsichtlich seines Grundsatzes und der Arbeitsmaßnahmen zum ersten Krankenhaus seiner Art.

Die Klinik entsprach von Anfang an nicht den Wünschen und Vorstellungen ihrer Begründer und wurde deshalb am 27. Februar 1808 nach Domberg in eine umgebaute Kaserne verlegt. Bis 1993 war hier ein Krankenhaus untergebracht, das sich zu einer Klinik für innere Medizin entwickelte und viele Leiter überdauerte. Heute befindet sich in dem großen Steingebäude das Staatsgericht der Republik Estland.

Einige Notizen aus den Anfängen des CLINICUMS und noch anderes

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Der Hofrat Balk eröffnete die Universitätsklinik in dem Haus, das er als Wohnung gemietet hatte. Zum Betreiben der Klinik waren 3000 Bankrubel vorgesehen. Im ersten Jahr (1804) wurden 90 Kranke behandelt, von denen 81 geheilt, 3 nicht geheilt das Krankenhaus verließen und 6 dort starben (Struve, 1827). Im Laufe des Jahres 1806 erfaßten die 10 Betten schon 177 Kranke. (Nach dem heutigen Verständnis ausgedrückt betrug der mittlere Aufenthalt eines Patienten im Krankenhaus weniger als 20 Tage – das wäre auch heute eine zurfriedenstellende Angabe).

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Im Gründungsjahr wurden in der Klinik Kranke mit folgenden Diagnosen behandelt: febris rheumatica (Rheumafieber), febris catarrhalis (Entzündungsfieber), febris neurosa (anscheinend ein "Nervenfieber" ohne erklärbaren Grund), Abszeß, Gangrän, Speicheldrüsenentzündung, Angina, Erysipel, Fischbandwurm, Masern, Epilepsie, Hysterie, Debilitas u.a. Die Krankheiten wurden nach den befallenen Organen und Körperbereichen erfaßt (Bauchkranke, Hautkranke, Brustkranke u.a.). Alle Leichen wurden seziert. Eine Ausnahmen durfte nur der Direktor der Klinik genehmigen.

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In den Invertarakten vom 10. Dezember 1804 sind die Einrichtung der Räume, die Bettwäsche und Unterwäsche der Kranken (auch die Schlafmützen), Pantoffel, Eßgeschirr, die Bibliothek mit über 140 Bänden, Heilmittel und Pflegebedarf, Operationsgeräte und /.../ zwei Milchkühe vermerkt.

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Die Kranken trugen blau–weiße schmalgestreifte Kleidung. Die Männer bekamen ein Hemd, eine Hose und Socken, die Frauen ein Kleid, Unterwäsche und Strümpfe. Zu Essen gab es Brot/Weißbrot, meistens Fleischsoße (Hackfleisch), Milch und Quark, Zucker, Tee, reichlich Gemüse, oft auch Obst. Kaffe trank man damals noch nicht. Die Mahlzeiten wurden dreimal täglich in viertel, halben oder ganzen Portionen entsprechend den Bedürfnissen der Kranken verteilt.

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Von Anfang an wurden in der Klinik für Kranke und Studenten strenge Vorschriften und eine Hausordnung – "Gesetze für das medizinische Klinikum" – erlassen. Wenn ein Student sich zur Arbeit oder Nachtwache mehr als eine Viertelstunde verspätete, mußte er "Rede und Antwort stehen für die entstandenen Lücken seiner Kenntnisse". Die Studenten teilten sich in zwei Kategorien: der "Auskultant" (der Hörer) mußte die Situation des Kranken, die Forschungsmethoden, die Diagnostik und den Verlauf der Krankheit kennenlernen. Erst der "Praktikant" des zweiten oder dritten Studienjahres durfte die Kranken behandeln und kurieren. Zweimal am Tag vermerkte der Auskultant oder Praktikant die Angaben über Luftdruck, -wärme und -feuchtigkeit, Windstärke und -richtung und andere Wetterangaben. Diese Angaben wurden mit dem Zustand des Kranken in Verbindung gebracht. Die Klinik durfte man nur Sonntags besuchen, an anderen Tagen war eine Sondergenehmigung des Direktors nötig, denn "/.../ das würde nur die Arbeit und Tätigkeit der Klinik stören". Der Auskultant (Praktikant) mußte in allen Einzelheiten die Sauberheit und Ordnung in den Krankenzimmern überwachen und die Pflege, das Waschen und Baden der Kranken und die Operationen verfolgen. Über die Tätigkeit der Studenten in der Klinik wurde vom Direktor und seinem Assistenten für den Rektor und Kurator der Universität ein Attest ausgestellt.

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Damals lebten in Dorpat ca. 3.500 Esten, ca. 3.000 Deutsche. Von den übrigen 2.500 Einwohner waren die meisten Russen (darunter Soldaten) (Struve, 1827:36).

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Nach Napoleons Einmarsch in Rußland im Jahr 1812 wurden in Dorpat wie überall in erster Linie Verwundete behandelt. An die Miltärhospitäler in Riga, auf die Hauptlast der Verletzten fiel, wurden Ärzte und Studenten des Clinicums entsandt.

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Die Gebäude des Clinicums war zu jener Zeit mit Symbolen und Emblemen der Dynastie der Romanovs und der Deutschen gekennzeichnet. Die "Teufelsbrücke" auf dem Domberg, die die Frauenklinik und die Klinik für innere Krankheiten über die Schloßstraße hinweg verbindet, kann man cum grano salis mit dem Namen von Werner Zoege von Manteuffel verbinden. Dieser vielseitige Medizinwissenschaftler, der um die Jahrhundertwende (1891) in dieser Klinik arbeitete, verwendete als erster chirurgische Gummihandschuhe, sog. "gekochte Hände", (früher operierte man praktisch mit bloßen Händen). Seine deutsche Abstammung hinderte ihn nicht daran, der Leibarzt des russischen Zaren Nikolai II. zu sein und als sehr erfahrener Feldarzt 1918–1920 am estnischen Freiheitskrieg teilzunehmen. Als Medizinoffizier, der die Selbständigkeit Estlands verteidigt hatte, wurde er mit dem Freiheitskreuz ausgezeichnet.

Die Teufelsbrücke wurde zu Ehren von Alexander I. Romanov und zum 300. Jubiläum der Romanovschen Dynastie mit der Aufschrift "Alexandro Primo" und seinem Basrelief versehen, die man heute noch dort sehen kann.

 

Literaturverzeichnis

Balk, D. G. Seiner Excellentz, dem Herrn Freiherrn von der Pahlen. Suvinischek (Kurland), 1785.

Kõrge, K. Die älteste Klinik der Universität Dorpat. // Tervishoid. Tallinn, 1982, nr. 2.

Käbin, I. Die medizinische Forschung und Lehre an der Universität Dorpat/Tartu 1802–1940. Ergebnisse und Bedeutung für die Entwicklung der Medizin. // Sydsvenska medicinhistoriska sällskapets årsskrift. Supplementum 6/1986. Lüneburg, 1986. 590 S.

Struve, L. A. Historischer Bericht über die Leistungen des med. Klinicums. Dorpat, 1827.

Dörptsche Zeitung, 1804. 35, Sonntag, d. 1. Mai.

Gesetze für das medizinische Klinikum und für Studierende der Medizin. Dorpat, 1806.