DAS FACH DER GEOGRAPHIE AN DER UNIVERSITÄT DORPAT/TARTU IN DEN JAHREN 1802–1891

Erki Tammiksaar

Die Probleme, die mit dem Geographieunterricht an der Universität Dorpat im XIX. Jahrhundert verbunden sind, wurden bisher nur wenig untersucht. Im Laufe der Jahrzehnte sind wohl mehrere Einzeluntersuchungen erschienen (Êîíãî 1987; Âàðåï 1977; Kaavere, 1987), eine zusammenfassende Arbeit über den Geographieunterricht in Dorpat liegt bisher jedoch nicht vor. Die vorliegende Abhandlung versucht diese Lücke auszufüllen.

Der Geographieunterricht in Dorpat soll von zwei Standpunkten aus betrachtet werden: die Kontinuität und das wissenschaftliche Niveau der Vorlesungen, dh. die Reflexion der Ansichten von Carl Ritter und Alexander von Humboldt. Aufgrund dieser Prinzipen wird die Tätigkeit von sechs Dorpater Geographieprofessoren behandelt: Adam Christian Gaspari (1752–1830, Karl Ludwig Blum (1796–1869), Carl Christian Schirren (1826–1910), Carl Albert Rathlef (1810–1895), Ludwig Friedrich Kämtz (1801–1867) und Johann Karl Friedrich Weihrauch (1841–1891). Mit diesen Namen ist die Kontinuität des Geographieunterrichts an der Universität Dorpat in den Jahren 1802–1891 verbunden.

Bei der Bewertung der Lehrtätigkeit der oben erwähnten Professoren wurden die Archivmaterialien, die in den Vorlesungsverzeichnissen der Universität Dorpat aufgezeichneten Lehrbücher und die wissenschaftlichen Arbeiten über die Geographie von den Lehrkräften (falls vorhanden) in Betracht gezogen. Die Ergebnisse der Arbeit können in der Zukunft korrigiert werden, weil es uns bis jetzt gelungen ist, in den Archivbeständen einen Vorlesungskonspekt zu finden, die eine objektivere Bewertung der Lehrmaterialien und damit des Niveaus des Geographieunterrichts ermöglichen würden.

Das Baltikum hat immerhin eine beträchtliche Rolle bei der Vermittlung der wissenschaftlichen Ideen von West nach Ost, dh. in erster Linie von Deutschland nach Rußland, gespielt. Eine wesentliche, wenn nicht die wesentlichste Rolle hat dabei am Anfang und in der Mitte des XIX. Jahrhunderts die Universität Dorpat gespielt, denn während sie dem deutschen Kulturkreis angehörte, war sie zur gleichen Zeit sowohl politisch als auch wirtschaftlich St. Petersburg unterstellt. Das wurde eine wesentliche Vorbedingung in der Entwicklungsgeschichte dieses wissenschaftlichen Zentrums, das Spitzenleistungen hervorgebracht hat.

Bezüglich des Geographieunterrichts war die Vermittlerrolle deswegen wichtig, weil der Paradigmawechsel in der Geographie zuerst in Deutschland zustandekam, wo Alexander v. Humboldt und Carl Ritter der wissenschaftlichen Geographie eine feste Grundlage gaben als eine Disziplin, die in Natur und Gesellschaft kausale Zusammenhänge sucht, womit sie die bisher vorherrschende deskriptive Richtung ersetzten. Die Zugehörigkeit der baltischen Provinzen zum deutschen Kulturraum schuf die Voraussetzung, daß sich neue Ideen in der Geographie schnell und ohne Hindernisse an der Ostküste der Ostsee verbreiten konnten. In der Realität ging alles nicht so schnell vor sich, obwohl alle bedeutenderen Dorpater Geographieprofessoren (Gaspari, Blum, Kämtz, Weihrauch) aus Deutschland kamen und dort studiert hatten.

Die Struktur des Geographieunterrichts an der Universität Dorpat in den Jahren 1802–1891

Geographie wurde in der von uns behandelten Periode an der philosophischen Fakultät, die sich in die Fakultäten für Geschichte und Philologie und Physik und Mathematik aufteilte, unterrichtet. Bis 1850, als das Gesetz der Universität verabschiedet wurde, war diese Aufteilung inoffiziell, da sie aber schon seit der Wiedereröffnung der Universität (1802) existierte, betrachten wir sie schon seit Anfang des XIX. Jahrhunderts als separate Einheiten.

Zuerst betrachten wir den Geographieunterricht an der Fakultät für Geschichte und Philologie. Gemäß dem Gesetz der Universität Dorpat aus dem Jahr 1799 gehörte der Geographieunterricht mit Geschichte und Statistik (Anfang des XIX. Jahrhunderts umfaßte die Statistik hauptsächlich Wirtschaftswissenschaften, zu deren Bestandteilen auch die Geographie gehörte) der einheitlichen Professur für Weltgeschichte, Geographie und Statistik an, zu deren ordentlichen Professor Georg Friedrich Pöschmann ernannt wurde. Im Jahr 1803 wurde der obenerwähnten Professur noch ein zweiter Lehrstuhl für Geographie hinzugefügt: die Professur für Geschichte, Statistik und Geographie von Rußland, insbesondere von Estland, Livland, Kurland und Finnland. Zur Ernennung des Professors für den neugeschaffenen Lehrstuhl wurde ein Wettbewerb veranstaltet, den Gaspari gewann. So wurden an der Universität Dorpat ursprünglich zwei Professuren für Geographie geschaffen, wobei sich die erste mit der Erläuterung und der Unterricht der Fragen der allgemeinen Geographie und die zweite mit deren Spezialgebieten, d.h. mit den Fragen, die mit den baltischen Gouvernements verbunden waren, beschäftigte. Diese Situation hat man treffend "Nebenbeschäftigung" genannt, denn beim Unterricht der Fachgebiete ist man nicht von der Spezifik, sondern vom Umfang des jeweiligen Forschungsgebietes ausgegangen (Mereste, 1980:22). Der eigentliche Geographieunterricht wurde nur von Gaspari abgehalten, der sich schon früher für das Fach interessiert hatte und der erste Professor war, der in Dorpat Geographievorlesungen hielt (Âàðåï 1977:161). Pöschmann, der nicht imstande war, alle Disziplinen, die in der Bezeichnung des Lehrstuhls enthalten waren, auf einem gleich guten Niveau zu lehren, beschränkte sich nur auf Geschichte. Als er im Jahr 1812 starb, wurde seine Arbeit nicht fortgesetzt, bis 1820 die nichtexistierende Professur reorganisiert wurde.

Beide Lehrstühle für Geographie wurden mit dem Gesetz der Universität aus dem Jahr 1820 den Forderungen der Zeit angepaßt, als die Professur für allgemeine Geschichte, Statistik, und Geographie und die Professur für Geschichte, Statistik und Geographie Rußlands, insbesondere Livlands, Estlands, Kurlands und Finnlands zu einer einheitlichen Professur für Geographie und statistische Wissenschaften vereinigt wurden (zum Professor wurde Blum ernannt). Der Geschichtsunterricht wurde der selbständigen Professur für allgemeine Geschichte zugeordnet. Die Teilung des Geographie- und Geschichtsunterrichts in zwei Lehrstühle im Jahr 1820 war ein wichtiger Schritt zur weiteren Entwicklung des Geographieunterrichts an der Universität Dorpat. Der erste Lehrstuhl für Geographie in Europa wurde in demselben Jahr an der Universität Berlin gegründet (der sog. Rittersche Lehrstuhl). Obwohl der Lehrstuhl für geographische und statistische Wissenschaften in Dorpat bereits 1820 eingerichtet worden war, wurde er eigentlich erst im Jahr 1826 besetzt, als Blum mit seinen regelmäßigen Geographievorlesungen begann. Johann Philipp Georg Ewers hielt nie Geographievorlesungen in Dorpat und nur einige Semester Statistikvorlesungen. So kann man sagen, daß der Lehrstuhl für geographische und statistische Wissenschaften seine Arbeit im Jahr 1826 aufnahm und damit der zweite Lehrstuhl für Geographie in Europa war (nicht in Krakau, wie polnische Forscher behauptet haben) (Babicz, 1980:179; 1983:103). Der Geschichtsunterricht wurde der selbständigen Professur für allgemeine Geschichte zugeordnet.

Mit dem Gesetz der Universität von 1865, dem der Niedergang der Universität Dorpat als eines Wissenschaftszentrums auf Spitzenniveau folgte, wurde auch die Struktur des Geographieunterrichts verändert. An Stelle der früheren Professur für Geographie und statistische Wissenschaften, an der nach der Emeritierung Blums vorübergehend John Jakob Dede, Richard Wendt und Schirren lehrten, wurde der Lehrstuhl für Geographie, Statistik und Ethnographie geschaffen (ab 1865 wurde die Bezeichnung "Professur" durch "Lehrstuhl" ersetzt). Die Benennung des Lehrstuhls änderte sich kaum, wohl aber der Lehrstoff: der relativ intensive Geographieunterricht zu Blums und Schirrens Zeit wurde zunehmend durch den Wirtschaftsunterricht ersetzt und die Rolle des Lehrstuhls als Stelle des Geographieunterrichts wurde am Ende des Jahrhunderts unbedeutend.

An der Abteilung für Physik und Mathematik der philosophischen Fakultät wurden ebenfalls Geographievorlesungen gehalten, die aber ihren Schwerpunkt mehr im physikalisch-geographischen Bereich setzten, im Gegensatz zu der Abteilung für Geschichte und Philologie, wo mehr Gewicht auf die Geographie des Menschen gelegt wurde. Anfänglich trugen die Astronomen (Ernst Ferdinand Adolph Minding und Wilhelm Struve 1793–1864) die Hauptlast des Unterrichts, die später von den Professoren für theoretische und angewandte Physik (Georg Friedrich Parrot und Johann Jakob Friedrich Parrot) übernommen wurde. Ein inhaltsreicherer Geographieunterricht fand unter G. F. Parrot statt, der in Dorpat einige Semester lang Vorlesungen über die Physik der Erde (Geographie der Erde) hielt (Ëåâèöêèé 1902:I, 407). Er brach aber unter seinem Sohn ab, der ungeachtet seiner umfangreichen naturwissenschaftlichen Interessen in Dorpat keine Geographievorlesungen hielt. Die Vorlesungen über physische Geographie an der Professur für theoretische und praktische Physik wurden ab 1841 regelmäßig abgehalten, als Kämtz mit den regulären Geographievorlesungen begann. Diese Tradition wurde von Oettingen und Weihrauch fortgesetzt. Unter Weihrauch wurden die Geographievorlesungen dann allerdings unregelmäßiger, obwohl seine Ernennung zum ordentlichen Professor des 1874 eingerichteten Lehrstuhls für physische Geographie und Meteorologie das Gegenteil hätte vermuten lassen. Nach dem Tod Weihrauchs folgte Boris Sreznevskij auf seiner Stelle, der ebenfalls nur wenige Geographievorlesungen hielt. Einige Forscher haben behauptet, daß der im Jahr 1874 eingerichtete Lehrstuhl für physische Geographie und Meteorologie die Vereinigung des Geographieunterrichts in zwei verschiedenen Fakultäten (der Fakultät für Geschichte und Philologie und der Fakultät für Physik und Mathematik) an der Universität Dorpat bedeutet hat. Es war nicht so. Erstmals wollte der Meteorologe Sreznevskij 1894 und 1909 die Lehrstühle für Geographie, Statistik und Ethnographie und für physische Geographie und Meteorologie vereinigen. Seine Bemühungen blieben erfolglos, weil das Konseil der Fakultät für Geschichte und Philologie das Geld nur einem von drei Lehrstühlen (West–Europäische Literatur, Geschichte der Kirche, oder Geschichte und Theorie der Kunst) zugestand. So wurde in Dorpat bis 1919 kein eigener Lehrstuhl für Geographie eingerichtet, als Zusatz zu der jeweiligen Professur blieb sie allerdings über den gesamten Zeitraum erhalten. Eine neue Entwicklung stellten allerdings die gemeinsamen Bemühungen der russischen und der estnischen Universität um Vereinheitlichung des Faches dar.

Zusammendfassend läßt sich sagen, daß der Geographieunterricht an der Universität Dorpat wegen der Lückenhaftigkeit der Unterrichtsarbeit, die durch das Fehlen oder die Inkompetenz der Professoren des jeweiligen Fachgebietes bedingt war, wechselhafte Zeiten durchlief. Jedoch hat die Geographie die ganze Zeit in den Benennungen der Professuren existiert, aber kein einziges Mal als eine eigenständige Professur.

 

Adam Christian Gaspari. Spezialist für politische Geographie in Dorpat

Der erste Professor in Dorpat, der sich ausschließlich der Geographie widmete, war Gaspari.

Er wurde im Jahr 1752 in Schleizingen (im heutigen Polen) geboren. Er studierte an der Universität Jena, wo er im Jahr 1790 den Grad eines Doktors der Philosophie verteidigte. Schon früh wurde er in Deutschland als Autor geographischer Lehrbücher bekannt, laut mancher Angaben sogar 15 Auflagen (Ëåâèöêèé 1903:II, 508; Âàðåï 1977:165) vom "Lehrbuch der Erdbeschreibung zur Erläuterung des neuen methodischen Schul–Atlasses" benutzt. Einige seiner Lehrbücher erreichten auch das Baltikum, so lernte Karl Ernst von Baer nach seinem Lehrbuch (Ñóõîâà 1990:120). Endel Varep (Âàðåï 1977:165) ist der Meinung, daß die Lehrbücher ihren Erfolg der anschaulichen Darstellungsweise und der reichlichen Verwendung von Karten verdankte (vgl. Gaspari, 1816).

Auch Gasparis Monographien über die Geographie – sein Hauptwerk war das "Vollständiges Handbuch der neuesten Erdbeschreibung" I–III 1792–1802 – waren sehr erfolgreich. Als Mitarbeiter der Neuauflagen seiner Monographien werden bekannte Wissenschaftler wie Johann Georg Hassel (Schüler Gasparis, dessen Ansichten später einen wesentlichen Einfluß auf Blum ausübten) und Johann Christop Friedrich Guths–Muths, Geographielehrer Ritters, erwähnt. Gaspari wollte den Geographieunterricht in der Fachliteratur populär zu machen. So arbeitete er an verschiedenen Geographiezeitschriften mit und gründete im Jahr 1800 das "Allgemeines Jahrbuch der Geographie und Statistik" (1800), das allerdings nur ein Jahr lang erschien. Doch veröffentlichte er weiterhin Artikel in einer der meistgelesenen Fachzeitschriften in Deutschland, den "Allgemeine Geographische Ephemeriden" (vgl. Gaspari, 1801; 1802).

Als Gaspari nach Dorpat kam, war er bereits ein anerkannter Wissenschaftler, dessen Arbeiten weite Verbreitung fanden. Warum er an eine eher provinzielle Universität wechselte, ist bis heute weitgehend unklar. Möglicherweise waren politische Gründe ausschlaggebend (Âàðåï 1977:163).

In der Dorpater Periode (1803–1809) wurde Gaspari wiederholt mit organisatorischen Aufgaben beauftragt (1804–1805 wurde er zum Rektor und später wiederholt zum Dekan der philosophischen Fakultät gewählt).

Er hielt mehrere Kurse über Geschichte ab, Vorlesungen über Statistik (drei verschiedene Fächer über die Statistik von Rußland und Europa) und Geographie (Geographie der europäischen Staaten in zwei Semestern, historische Geographie in einem Semester und Geschichte der politischen Geographie der europäischen Staaten in einem Semester) (Verzeichnisse..., 1802–1918). Interessanterweise hielt Gaspari sowohl die Vorlesungen über geographische Änderung und Statistik Europas als auch die Vorlesungen über russische Geschichte anhand des Buches von ein und demselben Wissenschaftler, Johann Georg Meusel.

Meusel war der Nachfolger Friedrich Georg Büschings, des Gründers der vergleichenden Statistikwissenschaft, und möglicherweise haben eben seine Arbeiten Gaspari erstmalig mit der epochemachenden "Neuen Erdbeschreibung" (1754) von Büsching bekanntgemacht. Obwohl Meusel die Notwendigkeit der Geographie und Statistik für die Geschichte verstand, schenkte er diesen Fächern nicht viel Aufmerksamkeit, statt dessen bevorzugte er die Betrachtung der geschichtlichen Ereignisse (Meusel, 1788 u. 1804). Bei der Analyse der Arbeiten Gasparis wird nicht deutlich, warum er für seine Vorlesungen die Materialien von Meusel benutzte. Eine der möglichen Antworten könnte wie folgt lauten: Gaspari verwendete beim Unterricht der politischen Geographie historische Angaben, weil er die hauptsächlichen Faktoren politischer Änderungen – Geschichte und Politik – vom Standpunkt dieses Faches aus für überaus wesentlich hielt (Gaspari, 1797–1802). Nach der Überzeugung Gasparis (Gaspari, 1797–1802) war Geographie eine eigenständige Wissenschaft, die sich in drei Teile aufgeteilte: in mathematische, physische und politische Geographie, und einen beschreibend – topographischen Charakter hatte, der für diese Periode höchst charakteristisch war.

Als Wissenschaftler bezeichnete man Gaspari nach dem Inhalt seiner jeweiligen Abhandlung als Historiker, Statistiker oder Geographen. Ohne andere Meinungen in Frage zu stellen (weil er auch mit den anderen Wissenschaftsgebieten eng verbunden war), scheint er uns jedoch einer der Gestalter und Wegweiser eines Zweiges der Geographie – der politischen Geographie – zu sein und diesen Standpunkt belegen auch seine Arbeiten (Gaspari, 1797–1802; 1801 u. 1802). Die Geschichte, Statistik und physische Geographie dienten Gaspari nur als Hilfsmittel für die Erläuterung in der politischen Geographie und ihren Vergleich miteinander, denn in der politischen Geographie können räumliche Änderungen fast täglich vorkommen (Gaspari, 1797–1802). So ist Gasparis Standpunkt nicht überraschend, daß die Mathematik und die physische Geographie statistische Wissenschaften sind, weil die Änderungen in ihnen (die er jedoch nicht abstreitet!) langsam und unmerklich geschehen.

Um eine bessere Übersicht über das statistische Material zu bekommen und um die Urkräfte zu ergründen, die politische Änderungen bewirken, fing Gaspari als einer der ersten in Deutschland an, statistische Tabellen zusammenzustellen (1778) (Schubert, 1835:64). Das ermöglichte ihm, die statistischen Angaben der Staaten zu vergleichen.

Obwohl Gaspari in seinen Arbeiten der physischen Geographie eine ziemlich zurückhaltende Rolle zuwies, wandte er ihr bedeutend mehr Aufmerksamkeit zu als seine Zeitgenossen (Friedrich Wilhelm Schubert, Karl August Malchus u.a.). So hält der Landschaftswissenschaftler Ewald Banse Gaspari für einen der ersten, der in der Staatenkunde die Bedeutung der Naturbeschreibung hervorgehoben hat (Banse, 1953:152).

Gaspari trug auch zur Vertiefung der geographischen Bildung der Esten bei. Der Schüler des Estophilen Johann Heinrich Rosenplänter, Abram Holter, hat eine längere deutschsprachige Behandlung Rußlands von Gaspari ins Estnische übersetzt, die überhaupt die erste Abhandlung geographischen Inhalts in estnischer Sprache war (Âàðåï 1977:165).

1809 verließ Gaspari Dorpat. Einer der Hauptgründe seines Abschieds war der außergewöhnliche Mangel an Unterrichts- und statistischen Materialien in Dorpat, woran er sich in Deutschland nicht gewöhnt war. Seinen wiederholten Bitten an den Universitätsrat um Aufstockung der Mittel wurden nicht stattgegeben, und schließlich nahm Gaspari das Angebot der Universitat Königsberg an und verließ Dorpat.

Im Jahr 1812 hatte Gaspari die Möglichkeit, nach Dorpat zurückzukehren, denn der Universitätsrat wählte ihn noch einmal zum Professor auf die Stelle, die durch den Tod Pöschmanns vakant geblieben war. Gegen solch ein Wahlergebnis kämpfte aber energisch der Russischprofessor, Andreij Kaissarov, der Gaspari wegen seines angeblich hohen Alters und schlechten gesundheitlichen Zustands für diese Stelle für untauglich hielt /EHA B. 402 V. 2 M. 385 Bl. 59/. Auf diese Weise hoffte Kaissarov die Professur von Gaspari für sich selbst zu bekommen, es ist ihm jedoch nicht gelungen. Die skandalöse Geschichte fand damit ihr Ende, daß weder der eine noch der andere die gewünschte Stelle bekam, denn Kaissarov starb (1813) und Gaspari konnte wegen des Kriegszustandes nicht von Deutschland nach Rußland kommen.

Gaspari starb 1830 in Königsberg.

 

Karl Ludwig Blum: Beginn der regulären Geographievorlesungen in Dorpat

Die von Gaspari begonnene Arbeit sollte von dem Historiker und Staatswissenschaftler Ewers fortgesetzt werden, der sich aber nur auf Geschichtsvorlesungen und einige Semester Statistikvorlesungen beschränkte.

Im Jahr 1826 wurde Blum zum Professor für Geographie und Statistikwissenschaften ernannt. Er wurde im Jahr 1796 in Deutschland in Hanau geboren und 1814–1816 Jura studiert und sein Studium in Heidelberg fortgesetzt 1816–1819. Den Doktorgrad hat Blum auf dem Gebiet der griechischen Geschichte erlangt.

Das Hauptfachgebiet Blums war die Geschichte. Die Monographie, die für Naturwissenschaftler des Baltikums von Interesse sein könnte, ist sein Buch über Andreas Löwis of Menar, der lange Zeit die Auswirkung der Witterung auf die Landwirtschaft und das Areal der Eiche in Livland erforscht hatte (Blum, 1846). Blum verfaßte zwar keine Monographien über geographischen Themen, sein Beitrag zur Entwicklung der Geographie im Baltikum und in Rußland war jedoch beträchtlich. Er war Mitbegründer des "Dorpater Jahrbücher für Litteratur, Statistik und Kunst besonders Russland" (erschien 1833–1836) und machte dieses Jahrbuch unter russischen Wissenschaftlern populär (Blum, 1834). Die Herausgabe eines solchen Jahrbuchs war einer der ersten, wenn nicht gar der erste Versuch, in Rußland eine Serienausgabe zu schaffen, in der die Angaben des ganzen Reichs gesammelt würden. Unter anderem sollte der durch die Sprachbarriere oft zähe Informationsfluß von Rußland nach Europa verbessert werden. Obwohl das Jahrbuch nur kurzfristig erschien, übte es trotzdem seinen Einfluß auf die weitere Sammlung statistischer Angaben für die Wochenzeitung "Das Inland" aus (erschien 1836–1863).

Die Vorlesungen über Geographie und Statistik hielt Blum im Laufe von 25 Jahren. Er führte nicht die von Gaspari begonnene Richtung der politischen Geographie fort. In den Vorlesungen über allgemeine Statistik (in 18 Semestern) benutzte er als Hilfsmaterialien die Monographien eines Schülers von Gaspari, Hassel, des Finanzministers von Württemberg, Malchus, und des Professors für Staatswissenschaften an der Universität Königsberg, Schubert (Verzeichnisse..., 1802–1918).

Hassel maß der Geschichte innerhalb der Staatswissenschaften viel Bedeutung bei (Hassel, 1822), was ihm von einigen Kollegen den Vorwurf der "Vergeschichtlichung" eintrug (Schubert, 1835:72). Hassel für einen Wissenschaftler, der der Rolle der Geschichte in den Staatswissenschaften allzu große Bedeutung zumaß und sie zur sog. "Vergeschichtlichung" führte. So spielte auch in Blums Vorlesungen die Geschichte eine wichtige Rolle, was zu Lasten des Geographieunterrichts ging. Das Hauptinteressengebiet von Malchus war das Geld- und Steuerwesen der Staaten (Malchus, 1830) und es scheint, daß Blum seine Arbeiten nur zur Charakterisierung der Geldwirtschaft der Staaten nutzte, weil andere Aspekte der Statistik in den Büchern fast völlig fehlten. Schubert hielt wie Gaspari die Reflexion der (räumlichen) Veränderungen der Flächen der Staaten für die hauptsächliche Aufgabe der Statistik (Schubert, 1835–1848). Erst der Einfluß seiner Bücher ermöglichte es, daß Blums Vorlesungen über "die allgemeine Statistik" jetzt ihrer Bezeichnung im Vorlesungsverzeichnis entsprachen, denn die Arbeiten der obenerwähnten Autoren beschränkten sich auf die Einführung über Europa. In der Arbeit Schuberts läßt sich schon die zunehmende Bedeutung der Naturwissenschaften und der ethnographischen Fragen in der Statistik feststellen, die in den Büchern von Hassel und Malchus noch fast völlig fehlte.

Neben allgemeiner Statistik gab Blum Spezialkurse über die Statistik in Rußland nach Hassel (Hassel, 1807) und nach Schubert (Schubert, 1835) (in 16 Semestern).

Neben der Statistik hielt Blum während 14 Semestern Vorlesungen über allgemeine Geographie und Bevölkerungskunde auf Grund der Arbeiten von Christian Gottlieb Daniel Stein und Karl v. Raumer.

Steins "Handbuch der Geographie und Statistik für die gebildeten Stände, Gymnasien und Schulen" (1817) war in Wirklichkeit eine Serienausgabe, die ständig vervollständigt wurde. In den früheren Ausgaben ist der Einfluß Ritters noch wenig bemerkbar, aber in jedem weiteren Jahr wurde er deutlicher (Hettner, 1927:88). Obwohl das Buch den Eindruck erweckt, daß die allgemeine Geographie (d.h. mathematische, physische und politische) zusammenhängend alle Gebiete der Geographie erforscht, lag das Hauptaugenmerk dieser Reihe jedoch an der politischen Geographie und der Topographie der Staaten, d.h. den Beschreibungen der Details.

Das Lehrbuch der allgemeinen Geographie von Raumer, Professor für Geschichte der Natur und Mineralogie an der Universität Erlangen, kann man nicht mit dem Steins Handbuch vergleichen, weil Raumers Arbeit von den Ideen Humboldts beeinflußt war. Der Autor verwendet in seinem Buch reichlich die Terminologie des großen Naturwissenschaftlers (Isothermen, vertikale Zonalität u.a.) (Raumer, 1835). Es fehlt ein Teil über politische Geographie, die Bevölkerungskunde od. Ethnographie wird zwar behandelt, vom Autor jedoch als eine eigene Disziplin angesehen (Humboldt ordnete die Bevölkerungskunde der physischen Geographie zu).

Zusammenfassend wollen wir hervorheben, daß in den Statistikvorlesungen Blums die Richtungen des Statistikunterrichts, die sich im XVIII. Jahrhundert herausgebildet hatten, fortgeführt wurden: die reichliche Darstellung der topographischen Angaben und die detaillierte Beschreibung der Tätigkeit der Staatsbehörden. Die geographische Thematik wurde in diesen Vorlesungen nur wenig behandelt (es wurden vor allem die Wirkung des Klimas auf die Landwirtschaft und in geringem Umfang auch ethnographische Materialien betrachtet). Der Anteil der Geographie nahm erst in den 1840er Jahren zu, als Blum die Vorlesungen nach dem Handbuch der Statistik von Schubert hielt.

Vorlesungen über Geographie und Bevölkerungskunde fanden zur Zeit Blums regelmäßig jedes zweite Jahr statt. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Tatsache, daß Blum der einzige war, der in den 1830er Jahren im Russischen Imperium ausgerechnet an der Universität Dorpat Geographievorlesungen hielt (Ñóõîâà 1990:107), die in den 1830er Jahren hauptsächlich einen statistisch-topographischen Charakter hatten. In 10 von 14 Semestern hielt er Geographievorlesungen nach einem Lehrbuch, in dem sich in viele Aspekte der Ideen des führenden Naturwissenschaftlers Humboldt zeigten. In Blums Vorlesungen spielte die Geographie in Bezug auf den Menschen, und damit auch die Ethnographie, eine wesentlische Rolle. Ritters Ansichten fanden sich hingegen kaum, da sie in den früheren Ausgaben des Lehrbuchs von Chr. Stein nicht vorkamen.

So kann man feststellen, daß in der Mitte des XIX. Jahrhunderts an der Universität Dorpat alle Disziplinen, die der allgemeinen Geographie angehörten, regulär unterrichtet wurden, wobei die Bevölkerungsgeographie den größten Raum einnahm.

Blum kam im Jahr 1869 in Heidelberg durch einen Unglücksfall ums Leben.

 

Carl Christian Schirren:vom Geographen zum Historiker

Im Jahr 1856 wurde Schirren zum ersten aus Livland stammenden Professor für Geographie und Statistikwissenschaften an der Universität Dorpat gewählt.

Er war 1826 in Riga geboren, hatte zuerst dort studiert und später seine Studien in Dorpat fortgesetzt 1844–1849. Im Jahr 1856 verteidigte er den Habilitationsgrad zum Thema: "Der Njandscha und die Hydrographischen Merkmale Afrikas". Das war eine der wenigen Arbeiten über die Geographie, die in Dorpat vor 1917 verteidigt wurden. Schon während seines Studiums war Schirren ernsthaft an der Geographie interessiert und hörte sowohl Blums als auch Johann Heinrich Mädlers (er unterrichtete mathematische Geographie) Vorlesungen /EHA B. 402 V. 2 M. 21784 Bl. 5/. Dieses Interesse dauerte später an, denn vor der Habilitierung legte Schirren noch 4 Examen in Geographie ab /EHA B. 402 V. 2 M. 21783 Bl. 4/. Im Jahr 1858 wurde Schirren nach zweijähriger Arbeit an der Universität zum außerordentlichen und im Jahr 1860 zum ordentlichen Professor für Geographie und Statistikwissenschaften gewählt. Könnte man Schirren auf Grund dessen nicht schon in den 1850er Jahren eher für einen Geographen als für einen Historiker halten?

Was war der Anlaß zu Schirrens Hang zur Geographie? Möglicherweise weckte das seinerzeit viel Polemik hervorrufende Buch des englischen Gelehrten William Daniel Cooley "The history of maritime and inland Discovery" (1830) sein Interesse für dieses Fach. Darauf deutet die Habilitationsarbeit Schirrens hin, denn es scheint, daß er die Afrika betreffende Thematik nach Cooleys Vorbild gewählt hat. Schirrens Beschäftigung mit Afrika ist die erste diesen Kontinent betreffende Abhandlung in der baltischdeutschen Literatur. Neben den vielen grundlegenden Quellenpublikationen über den Nordischen Krieg schrieb Schirren nur eine Arbeit geographischen Inhalts, nämlich über die Toponymik des Baltikums (Schirren, 1852).

Es scheint, daß Cooley, der in der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts als erster, wissenschaftliche Hypothesen über Innengebiete Afrikas aufstellte, Schirren noch auf eine andere Weise beeinflußt hat. Cooleys Vermutungen waren nämlich oft nicht richtig, obwohl man sein Beitrag zur Bezeichnung des Njassa–Sees nicht zu leugnen ist. Meines Erachtens übernahm Schirren von Cooley die Art und Weise, Hypothesen aufzustellen. Dies bescherte ihm später viele Gegner, da seine Standpunkte einander oft widersprachen.

Die mit Geographie und Statistik verbundenen Fächer unterrichtete Schirren in den Jahren 1856–1863 in 28 Semestern (dh. in jedem Semester durchschnittlich weniger als zwei Vorlesungszyklen). Die meisten Vorlesungen hielt er über e Theorie und Geschichte der Statistik nach dem Mitglied der Pariser Akademie der Wissenschaften, Alexander Moreau de Jonnes, der ein Vertreter der Schule Ritters war.

Am ausführlichsten betrachtete Schirren in seinen Vorlesungen jedoch die Themen, die mit Demographie und Ethnographie zusammenhingen. "Vergleichende Kultur–Statistik" von Ferdinand v. Reden und "Allgemeine–Bevölkerungsstatistik" (1861) vom Königsberger Statistikprofessor Johann Eduard Wappäus waren zu seiner Zeit sehr gute Lehrbücher, die eine ausführliche Vorstellung von Demographie und Ethnographie vermittelten. Während Blum in Dorpat noch die Richtung vertrat, die die Statistik für eine selbständige Wissenschaft hielt, sah Schirren die Statistik bereits als Methode und Hilfsmittel für andere Wissenschaften an.

Als Spezialkurse hielt Schirren administrative Statistik und Statistik der Landwirtschaft und des Handels in Rußland ab. Für den letztgenannten Vorlesungzyklus benutzte Schirren die Monographie Ludwig Valérian Tengoborskys "Etudes sur le forces productives de la Russie", deren Hauptzweck es war, die Rückständigkeit Rußlands gegenüber der Industrie Europas damit zu begründen, daß Rußland von jeher ein Landwirtschaftsland gewesen sei und sich auch ohne Industrie ernähren könne. Bekanntlich begann man in dieser Zeit in Europa, der Entwicklung der Industrie im Gegensatz zur Landwirtschaft den Vorzug zu geben.

Schirrens Vorlesungen über Geographie und Statistikwissenschaften (in 4 Semestern) wurden von den Ideen C. Ritters beeinflußt, schließlich hatte er sich schon in seiner Magisterarbeit als dessen Schüler vorgestellt. Allerdings kam diese Tatsache bei der Lektüre der Monographie Gustav Adolph Klödens und Wappäus, die Schirren benutzte, nicht so deutlich zum Ausdruck. Klöden hielt es für unmöglich, sich Ritters Ideen der Geographie anzupassen, denn er hielt sie für eine deskriptive Wissenschaft, die sich auf die Statistik stützt und den augenblicklichen Zustand in der Natur und in der Gesellschaft beschreibt (Klöden, 1858; Hettner, 1927:90).

Es ist zu unterstreichen, daß Schirren in vielem die in der Zeit von Blum in Angriff genommene Richtung des Geographieunterrichts fortsetzte, d.h. in geringem Umfang alle Fächer unterrichtete, die zur Geographie gehörten. Schirrens Vorlesungen über Statistik bekamen im Vergleich zu Blums einen völlig neuen Inhalt. Dazu trugen entscheidend die Aufteilung der Statistik als Wissenschaft in die Zweigwissenschaften und die revolutionären Statistikmethoden von Lambert Adolphé Quetelet’ bei. Dadurch erlangten die Statistikvorlesungen Schirrens weniger eine wirtschaftswissenschaftliche als eine ethnographische und demographische Richtung (eine Rolle kann hier auch Schirrens Interesse für die Geschichte gespielt haben). Gerade zur Zeit Schirrens erreichten die Ethnographie– und Demographievorlesungen in Dorpat das Niveau der Ansprüche, die auch heutzutage an diese Unterrichtsstoff gestellt werden.

Die allgemeine Geographie berücksichtigte Schirren weniger als Blum, und in seinen diesbezüglichen Vorlesungen wandte er der physischen Geographie weniger Aufmerksamkeit zu als der Ethnographie und Demographie. Für die Hauptaufgabe der wissenschaftlichen Forschung hielt Schirren die gegenseitige Beeinflussung von Natur den Mensch. Während seine Vorlesungen über Naturgeographie eher deskriptiv waren, ist sein Beitrag zur wissenschaftlichen Entwicklung der Geographie des Baltikums bezüglich des Menschen wesentlich großer.

Im Jahr 1869 veröffentlichte Schirren seine berühmte "Livländische Antwort" auf die Russifizierungsversuche der Ostseeprovinzen Rußlands, die zu seiner Entlassung führte. Schirren emigrierte nach Dresden und von dort nach Kiel, wo er von 1874–1907 an der dortigen Universität als Professor für Geschichte tätig war. Schirren starb 1910 in Kiel.

 

Ludwig Friedrich Kämtz: Beginn der regelmäßigen Geographievorlesungen an der Abteilung für Physik und Mathematik

Kämtz Ankunft von in Dorpat war für die Universität ein großer Gewinn: das Niveau der Physikvorlesungen stieg erheblich, eine starke Tradition des Meteorologieunterrichts wurde begründet und der qualitativ neue Geographieunterricht begann. Schon Humboldt schrieb, daß ganz Europa Rußland um drei Meteorologen – Adolph Kuppfer, Baer und Kämtz – beneiden könne (Ãóìáîëäò 1962:159; Ïàñåöêèé 1984:113).

Kämtz wurde im Jahr 1801 in Treptow, Deutschland, geboren. Er studierte an den Universitäten zu Berlin und Halle, wo im Jahr 1827 Lehrkraft und im Jahr 1834 ordentlicher Physikprofessor wurde. Ab 1841 war er an der Universität Dorpat ordentlicher Professor für theoretische und praktische Physik.

Kämtz war schon vor seiner Ankunft in Dorpat in Europa ein bekannter Wissenschaftler. Sein "Lehrbuch der Experimentalphysik" war das amtliche Lehrmaterial an den preußischen Universitäten und das "Lehrbuch der Meteorologie" I–III (1831–1836) brachte ihm allgemeine Anerkennung in breiten Wissenschaftskreisen. Sein letztes Lehrbuch war das erste Meteorologielehrbuch der Welt (Wegener, 1935:5). Wichtig ist auch die Tatsache, daß diese letzte Arbeit nicht einfach aus zwei Büchern zusammengeschrieben wurde, sondern sich völlig auf Kämtzens Beobachtungen stützte (Raik, 1965).

Kämtz war seinen Anschauungen nach vor allem Geophysiker und Meteorologe (er gilt als einer der Gründer der modernen Meteorologie), aber neben Abhandlungen über die Physik (6 Arbeiten), den Magnetismus (11 Arbeiten) und die Meteorologie (46 Arbeiten), hatte er noch Zeit, sich seiner Jugendliebhaberei – der Geographie – zu widmen. Schon in den 1820er Jahren faßte er mit seinem Freund Friedrich Hoffmann den Plan, eine Monographie über die Geographie zu schreiben, in der sie die Ideen Ritters behandeln wollten, denn die jungen Männer waren von ihm begeistert. Trotz mehrerer diesbezüglicher Entwürfe wurde die Idee nie verwicklicht, es kam immer etwas dazwischen (Kämtz, 1854:89–90). Später erschienen dann postum die gesammelten Geographievorlesungen Hoffmanns (Hoffmann, 1837), an denen Kämtz jedoch keinen Anteil hatte. Diese Arbeit des Freundes wurde zur Grundlage, auf der seinee Geographievorlesungen in Dorpat in insgesamt 12 Semestern basierten (Verzeichnisse..., 1802–1918), das 1. Semester des Jahres 1856 ausgenommen.

Hoffmanns "Physicalische Geographie" stellt in mancher Hinsicht eine außergewöhnliche Arbeit in der geographischen Literatur in der Mitte des XIX. Jahrhunderts dar. Damals waren die Ansichten Ritters sehr populär, die besagten, daß die Geographie die Natur und den Menschen in ihrer Beziehung zueinander erforsche. Hoffmann, der sich in seiner Jugend noch für Ritter begeistert hatte, formulierte seine Arbeit sprachlich als die physikalische Geographie, denn seiner Meinung nach sollte sie sich nicht so sehr mit der historischen Geographie, Ethnographie, Statistik und politischen Geographie befassen, in denen der Mensch Forschungsgegenstand der Geographie sei, sondern bedeutend mehr mit dem Erdboden (Hoffmann, 1837:2–3). Nach den Anschauungen Hoffmanns ist die physikalische Geographie einerseits eine Wissenschaft, die die Physik beinhaltet und sich deshalb von der allgemeinen Erdkunde, d.h. von der allgemeinen Geographie unterscheidet, anderseits trennt das geographische, d.h. räumliche Element sie von der Physik. Gerade die Physik füge der Geographie als einer deskriptiven Wissenschaft das Gepräge einer erklärenden, kausale Zusammenhänge suchenden Wissenschaft hinzu "/.../ unsere Wissenschaft dagegen sucht die Naturerscheinungen an der Erde nicht bloßen zu beschreiben, sondern, so weit es thunlich, auch zu erklären, auf ihre Ursachen zurückführen." (Hoffmann, 1837:5–6). So waren die Vorlesungen, die Kämtz auf Grund des Buches von Hoffmann hielt, in Dorpat die ersten, die nicht deskriptiv waren, sondern die Erscheinungen zu erklären versuchten.

Obwohl Hoffmanns gesammelte Vorlesungen auf Kämtz einen starken Einfluß ausübten, ist deutlich, daß er nicht in allem mit ihm übereinstimmte. Das beweisen Kämtz’ eigene Arbeiten über die Geographie. Im Ja 1854 veröffentlichte er in der baltischdeutschen Zeitschrift "Das Inland" eine Reihe von Artikeln "Ueber Wesen und Inhalt der physicalischen Geographie", die als die ersten Artikel im baltischdeutschen Schriftgut überhaupt gelten, die die Ansichten der wissenschaftlichen Geographie vertreten. Diese Abhandlung ist Kämtz’ bedeutendste Arbeit über die Geographie, denn vorher hatte er seine Anschauungen noch nie schriftlich dargelegt (ausgenommen in einem Artikel in Russisch).

Die Abhandlung ist zwar von den Ansichten Ritters beeinflußt, aber Kämtz versuchte die Rolle des historischen Elements in der Geographie zu verringern, denn er war der Meinung, daß "/.../ [wir] die physicalische Geographie ansehen als die Anwendung der Gesetze der Physik zur Erklärung der Erscheinungen, welche die Erde als Naturkörper darbietet /.../" (Kämtz, 1854:142). Er betont nicht speziell den Einfluß der Natur auf den Menschen, dem Ritter sehr viel Bedeutung beimaß, er ist der Meinung, daß der Mensch auf die Natur einwirkt und die Situation erst in zweiter Linie umkehrbar ist.

In seiner Arbeit widmete Kämtz sich auch terminologischen Problemen. So forderte er die Konkretisierung bei der Definition und Bestimmung von Begriffen, denn andernfalls verstehe man einander nicht und streite nur über die Terminologie (Kämtz, 1854:141–142). Meines Erachtens war Kämtz einer der ersten, wenn nicht der erste, der die Notwendigkeit einer konkreten Bestimmung der Begriffe in der geographischen Literatur für wesentlich hielt. Diesem Aspekt der Geographie schenkten weder Immanuel Kant, Humboldt noch Ritter Aufmerksamkeit. Der Anspruch auf die Bestimmung wurde wahrscheinlich dadurch bedingt, daß Kämtz in der Wissenschaft eine Institution sah, die Klarheit anstrebt.

Zusammenfassend könnte man Kämtz’ Ansichten über die Geographie für einen eigenartigen Kompromiß zwischen den Anschauungen Ritters und Hoffmanns halten.

Seine Bedeutung für das Baltikum beschränkt sich jedoch nicht auf das oben erwähnte. Er ist ein überzeugendes Beispiel für die Vermittlerrolle der Universität Dorpat bei der Verbreitung der geographischen Ideen von Deutschland nach Rußland. Auch Humboldt hoffte, daß Kämtz in Dorpat eine Zeitschrift herausgeben würde, die die Wissenschaften Rußlands und Europas vereinigt, als er von seiner Ernennung zum Professor der Universität Dorpat erfuhr (Åñàêîâ 1960:91–92). Bekanntlich war der diesbezügliche Versuch Blums und anderer gescheitert, und auch das "Repertorium für Meteorologie" von Kämtz (1860–1865) muß man für mißglückt halten. Die Herausgabe der Zeitschrift war zu kurzfristig, da Kämtz in St. Petersburg die Stelle des Direktors des Meteorologischen Observatoriums übernahm. Dennoch hat Kämtz die geographische Wissenschaft in Rußland stark beeinflußt. Auf Antrag Baers, der Kämtz als einen Befürworter Ritters kannte, schrieb er für das Handbuch der Geographischen Gesellschaft Rußlands den Artikel "Über die Fortschritte der Erdkunde". In Rußland war Ritter zuvor völlig unbekannt, und so halten einige Forscher Kämtz (z.B. Ñóõîâà 1990:109–110) für den ersten Verbreiter der Ansichten Ritters in Rußland.

Kämtz starb in St. Petersburg im Jahr 1867.

Carl Albert Rathlef: Geograph und Historiker

Während als Ergebnis Kämtz’s Arbeiten Ritters theoretische Standpunkte über die Geographie Rußland erreichten, wurde die Monographie von Rathlef "Skizze der orographischen und hydrographischen Verhältnisse von Liv-, Esth- und Kurland" (1852) in der wissenschaftlichen Literatur Rußlands von den ersten Versuchen begleitet, Ritters Theorie in die Praxis umzusetzen.

Rathlef war der zweite Wissenschaftler aus Livland, der an der Universität Dorpat Geographie unterrichtete. Er wurde im Jahr 1810 in Fellin/Viljandi geboren und studierte an der Universität Dorpat ältere Geschichte. Daneben hörte er Blums Vorlesungen über Bevölkerungswissenschaft, allgemeine Geographie und Statistik /EHA B. 402 V. 2 M. 19640 Bl. 3/ und eignete sich so erste geographische Kenntnisse an, die er später in Berlin vertiefte. Dies widerlegt die bisher vorherrschende Meinung, Rathlefs Interesse für die Geographie und Naturwissenschaften sei erst in Berlin durch die Vorlesungen Ritters geweckt worden (Kaavere, 1987:612), vielmehr bestand es bereits zur Zeit seines Geschichtsstudium in Dorpat.

Nachdem Beendigung seines Studium in Deutschland unterrichtete Rathlef von 1841 bis 1852 am Gymnasium in Reval/Tallinn Geographie und Geschichte. Im Jahr 1852 beendete er die in Reval populären "Historischen Umrisse", in denen er den Entwicklungsgang der allgemeinen Geschichte und der Wissenschaft verfolgte (Rathlef, 1853). Die öffnete dem Gymnasiallehrer die Türen der Universität Dorpat. Die im Jahr 1858 erschienene Schrift "Die welthistorische Bedeutung der Meere, insbesondere des Mittelmeeres" brachte ihm den Magistergrad und im Jahr 1860 den Doktorgrad, der von der Ernennung zum ordentlichen Professor begleitet wurde.

Obwohl Rathlef sein Brot mitder Professur für Weltgeschichte verdiente, war seine wichtigste Arbeit rein geographischen Inhalts, und zwar in vollem Einklang mit den Anforderungen der Geographie des XIX. Jahrhunderts. Kämtz, der eine anerkennende Rezension zur Arbeit Rathlefs schrieb, bezeichnete seine Abhandlung als den ersten Versuch, die Ideen Ritters und Humboldts im Baltikum anzuwenden und drückte die Hoffnung aus, daß bald auch in anderen Provinzen Rußlands gleichwertige Arbeiten erscheinen mögen (Kämtz, 1853:816).

Während in der Mitte des vorigen Jahrhunderts das originelle Buch Rathlefs niemanden gleichgültig ließ, ist in der neueren estnischen wissenschaftlichen Literatur seine epochemachende Arbeit nur wenig, das heißt fast gar nicht bekannt (ausgenommen Kaavere, 1987) so werden nur die von ihm zusammengestellten orographischen und hydrographischen Karten der baltischen Länder erwähnt (Varep, 1960:32–33; Êîíãî 1987:212).

Obwohl Rathlef in Dorpat nur einmal (1855) auf Grund seiner Hauptarbeit Vorlesungen über die Hydrographie und Orographie des Baltikums hielt (der erste in Dorpat abgehaltene speziell geographische Kurs über die Natur Estlands, Livlands und Kurlands), sollte man bei der Beurteilung Rathlefs als Geograph beachten, daß diese Arbeit eine tiefe Spur in der russischen Wissenschaftsgeschichte hinterließ. Den Wert der Arbeit bestätigt der Vorschlag der Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu St. Petersburg, Struwe und Gregor v. Helmersen, sie mit der Demidov–Prämie (1853) auszuzeichnen, die zu jener Zeit dem Nobelpreis vergleichbar war (Kaavere, 1987:614).

Als Ergebnis der 4 Etappen der Zusammenstellung der hydrographischen und orographischen Karte gelang es Rathlef erstmals die Großformen der estnischen Landschaften begrifflich zu bestimmen, obwohl die Abgrenzung der Landschaften damals noch nicht an der Tagesordnung war. Wichtig ist jedoch, daß in diesem Buch, das man nicht als landschaftswissenschaftlich ansehen kann, die Regionen wie der Höhenzug von Haanja, die Niederung von Pernau/Pärnu, das Becken von Wirtzjerw/Võrtsjärv und die Niederung vom Peipussee, die als landschaftliche Einheiten Estlands anerkannt werden, geographisch charakterisiert wurden. So hat Rathlefs Ansatz, vom Netz der Gewässer und Reliefs auszugehen, viele bis heute geltende landschaftliche Einheiten gegeben. Damit war er einer der Wegbereiter der Landschaftsforschung in Estland.

Auf diese Weise hinterließ auch Rathlef in Dorpat seine Spur im Geographieunterricht, wenn sie auch im Vergleich zu den anderen betrachteten Professoren weniger tief war.

Nach der Emeritierung (1866) lebte Rathlef zurückgezogen in Dorpat, wo er 1895 starb.

 

Johann Karl Friedrich Weihrauch: Geograph oder Geophysiker?

Weihrauch setzte in Dorpat die von Kämtz begonnene und von Oettingen fortgeführte Tradition eines intensiven Meteorologieunterricht fort. Er wurde im Jahr 1841 in Deutschland, in Mainz geboren, wo er sich die Elementarbildung aneignete. Er setzte seine Ausbildung an den Universitäten zu Gießen und Heidelberg mit dem Physik- und Mathematikstudium fort. Anfang der 1860er Jahren begab er sich von Deutschland in das Gebiet des heutigen Lettlands (er war Hauslehrer im Gutshof Berzaine). Von dort fuhr er nach Arensburg/Kuressaare, wo er im dortigen Gymnasium als Mathematiklehrer unterrichtete (1863–1871) (Kongo, 1977:125).

Im Jahr 1871 wurde Weihrauch nach Dorpat in die Dozentur der physischen Geographie beim Katheder für theoretische und praktische Physik berufen, die schon im Jahr 1867 gegründet worden war, um den Unterricht der theoretischen und praktischen Physik voneinander zu trennen. Die zu jener Zeit ins Leben gerufene Dozentur, deren Aufgabe die Beschäftigung mit dem Magnetismus der Erde, der Klimatologie und der physischen Geographie war, wurde schließlich nicht geschaffen, weil dem Ministerium für Volksbildung der von der Universität vorgeschlagene Kandidat nicht gefiel. Nach der Wahl im Jahr 1871 begann Weihrauch mit seiner Weiterbildung, denn bisher war vor allem Mathematiker gewesen. Grigori Levickij hält bei seiner Bewertung für besonders wichtig, daß er neben seiner Neigung zur Mathematik sich dennoch immer mit seiner allgemeinen Weiterbildung beschäftigte (Ëåâèöêèé 1903:II, 431).

Nach wiederholten Bitten und Bemühungen der Universität Dorpat gelang es im Jahr 1874 einen von der theorethischen Physik getrennten Lehrstuhl für Geophysik zu schaffen, denn unter der Leitung der Akademie der Wissenschaften zu St. Petersburg sollte in Rußland ein allgemeines Netz von meteorologischen Stationen angelegt und in Dorpat das Meteorologische Hauptobservatorium gegründet werden. Das Ministerium für Volksbildung stimmte der Bitte der Universität Dorpat zu. Am 13. Juni 1874 traf schließlich die lange erwartete Genehmigung ein, an der Fakultät für Physik und Mathematik den Lehrstuhl für physische Geographie und Meteorologie zu schaffen, denn ein Lehrstuhl für Geophysik war in der Struktur der Universität nicht vorgesehen. So wurde der Unterricht der geophysikalischen Fächer tatsächlich am Lehrstuhl für physische Geographie und Meteorologie verwirklicht, was eine längere Analyse der von Weihrauch gehaltenen Vorlesungen belegt.

Levickij, der die Intensität der Vorlesungen Weihrauchs über die Geophysik untersucht hat, stellte fest, daß er in den zehn ersten Arbeitsjahren von 113 Semesterstunden nur in 30 Stunden Vorlesungen über die Meteorologie und den Magnetismus der Erde hielt, die übrigen Stunden fielen der Mathematik zu. Im Zeitraum von weiteren zehn Jahren hielt er von 123 Semesterstunden 83 Stunden Vorlesungen über die Fächer, die zur physischen Geographie gehörten (allgemeiner Magnetismus, Magnetismus der Erde und Theorie des Potentials) (Ëåâèöêèé 1903:II, 432). In der Tat machten von 153 Semesterstunden innerhalb von 20 Jahren die Vorlesungen über den Magnetismus (in 18 Semestern) und die meteorologische Fragen erläuternde Vorlesungen (in 25 Semestern) den größten Raum ein. Die Vorlesungen über ausgewählte Kapitel der physikalischen Geographie hielt Weihrauch insgesamt nur in 6 Semestern und ein Mal auch über die Hydrologie. Die Vorlesungen über die mathematische Geographie waren im Verzeichnis der Vorlesungen in 8 Semestern vermerkt, von ihnen machte die Lehre über die Projekte der Karten drei Vorlesungszykeln aus (Verzeichnisse..., 1802–1918).

Damit hielt Weihrauch in den Jahren 1871–1891 insgesamt in 62 Semestern Vorlesungen über Fächer, die heutzutage nur teilweise zur physischen Geographie gehören. Tatsächlich behandelte nur ein Zehntel die sog. "echte" Geographie. So ist offenbar, daß am Lehrstuhl für physische Geographie und Meteorologie die Fächer vorherrschten, die Geophysik und Mathematik beinhalteten, zu deren Unterricht der Lehrstuhl faktisch geschaffen worden war.

Die von Weihrauch veröffentlichten Arbeiten sind hauptsächlich mathematisch-theoretisch, z.B. die "Besselsche Formel und deren Verwendung in der Meteorologie" (1890) oder statistische Jahrbücher meteorologischen Inhalts (er war in den Jahren 1874–1891 Leiter des Dorpater Meteorologischen Observatoriums), in denen er seine mit eigenen Rechenmethoden erzielten Beobachtungsergebnisse publizierte, z.B. "Anemometrische Scalen für Dorpat. Ein Beitrag zur Klimatologie Dorpats" (1885). Die von Weihrauch ausgerechneten und gemittelten Beobachtungsmethoden haben eine große Bedeutung in der Reihe der langwierigen Beobachtungen in Dorpat und ermöglichen es, das Klima vor einem Jahrhundert zu bestimmen.

Die Arbeiten Weihrauchs und die längere Analyse der von ihm gehaltenen Vorlesungen (es war nicht möglich, die inhaltliche Seite zu analysieren, denn nach dem Gesetz der Universität von 1865 mußte man im Verzeichnis der Vorlesungen nicht mehr vermerken, nach welchen Materialien Vorlesungen gehalten wurden) beweist überzeugend, daß die Gründung des Lehrstuhls für physische Geographie und Meteorologie nicht bedeutete, den Geographieunterricht an der Abteilung für Geschichte und Philologie mit dem Geographieunterricht an der Abteilung für Physik und Mathematik zu vereinigen, wie es in der Literatur vermerkt wurde. Die führende Rolle am Lehrstuhl für Geographie und Meteorologie hatte die Geophysik, obwohl die Benennung des Lehrstuhls das Gegenteil vorausgesetzt hätte. Den im Jahr 1874 gegründeten Lehrstuhl für physische Geographie und Meteorologie sollte man dem Inhalt des Unterrichts entsprechend in erster Linie als Lehrstuhl für Geophysik und Meteorologie betrachten, an dem in geringerem Maße auch Geographie unterrichtet wurde. So hat mit der Gründung dieses Lehrstuhls nicht das neue Zeitalter im Geographieunterricht in Dorpat begonnen, sein Anteil war im Vergleich zu den früheren Zeiten sogar geringer. Zur Zeit Sreznevskijs (1894–1918), wurden die Geographievorlesungen am Lehrstuhl für physische Geographie und Meteorologie regelmäßiger (ein Semester in jedem zweiten Jahr) (Verzeichnisse..., 1802–1918), aber im Vergleich zur Intensität des Unterrichts der geophysikalischen Fächer blieb das Verhältnis entsprechend dem Umfang der gehaltenen Vorlesungen zur Zeit Weihrauchs.

***

Die neue Periode im Geographieunterricht in Dorpat begann erst mit der Gründung der Universität Dorpat der Estnischen Republik, als das Geographische Kabinet als eine gesonderte Einheit der Universität Tartu gegründet wurde. Die Entwicklung der neuen, d.h. der professionellen Geographie (die Entstehung der Geographie an den Universitäten, als diese Wissenschaft für viele eine Wissenschaft wurde), weltweit im Jahr 1871 mit der Gründung des Lehrstuhls für Geographie an der Universität Leipzig und Moskau ihren Anfang nahm, entstand in Estland erst im Jahr 1919, d.h. über 40 Jahre später als in Deutschland. Ungeachtet dessen, daß Blum als einziger in Rußland in den 1830er Jahren in Dorpat Vorlesungen über die allgemeine Geographie hielt und die Glanzzeit des Geographieunterrichts in Dorpat 1840–1863 war, als in zwei verschiedenen Professuren (am Lehrstuhl für theoretische und praktische Physik von Kämtz und am Lehrstuhl für Geographie und Statistik von Schirren) auf bemerkenswert hohem Niveau Geographievorlesungen gehalten wurden, ist es der Universität Dorpat am Ende des XIX. Jahrhunderts leider nicht gelungen, die in der Mitte des Jahrhunderts erreichte führende Position in den geographischen Wissenschaften Rußlands und die Vermittlerrolle der Ideen unter den Universitäten Rußlands zu bewahren. Ende des Jahrhunderts kam der Geographieunterricht am Lehrstuhl für Statistik, Geographie und Ethnographie faktisch nicht mehr zustande und am Lehrstuhl für physische Geographie und Meteorologie wurde Geographie nur noch in geringem Maße unterrichtet.

So mußte der berühmte finnische Geograph Johannes Gabriel Granö im Jahr 1919 praktisch von vorne anfangen, um die Geographie in Estland wieder auf das Weltniveau zu führen, das sie einst eingenommen hatte.

 

 

 

 

 

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Archivmaterialien

1. EHA (Estnisches historisches Archiv) Bestand 402, Verzeichnis 2, Mappe 385

2. EHA B. 402, V. 2, M. 21783

3. EHA B. 402, V. 2, M. 21784

4. EHA B. 402, V. 2, M. 19640