Balthasar Freiherr von Campenhausen und Saaremaa

Olavi Pesti

 

J. W. L. von Luce (1756–1842), ein prominenter Vertreter vom "Zeitalter der Aufklärung" auf Saaremaa und Zeitgenosse Campenhausens hat ihn im Jahre 1815 so charakterisiert: "Er war ein Mann, der als ein treuer Diener des Staats jederzeit das Interesse der hohen Krone gewissenhaft berücksichtigte, dabei aber nie vergass, dass jenes niemals von dem Interesse der Unterthanen getrennt sein kann. Er verband dabei Wohlwollen mit Einsicht, Localkenntniss mit statistischer Uebersicht, und Amtspflicht mit rastloser Thätigkeit; /… ein Mann, / dessen segensvolles Andenken in unserer Provinz nie erlöschen wird /…/" (Luce 1815:83-84). Es scheint, dass diese Bewertung - obwohl ein wenig idealisierend - auch 180 Jahre später zuständig ist.

Die Vorfahren von Balthasar von Campenhausen wanderten nach Livland im 15. Jahrhundert. Ungefähr im Jahre 1500 wurde Johann Camphusen Bürgermeister der Stadt Riga. Sein Nachkomme Hermann Camphusen trat nach der Eroberung Livlands von Sweden in den Dienst bei schwedischem Hofe in Stockholm. Sein Enkel Balthasar (I) von Campenhausen (1689–1758), der Vater "unserer Campenhausen", war eine prominente Figur sowohl in der schwedischen als auch in der russischen Geschichte. Schon im Jahre 1708 wurde er Major und Trabant des schwedischen Königs Karl XII. Der tapfere Krieger war fünf mal schwer verwundet. Nach dem Schlacht bei Poltawa war er zusammen mit Karl XII als Flüchtling in der Türkei. Im Herbst 1710 haben die Russen ihn in Polen festgenommen und er war gezwungen, in den Dienst Russlands zutreten. Im Jahre 1712 wurde B. (I) von Campenhausen Oberst genannt, der an allen wichtigsten Schlachten des Nordischen Krieges, nun schon an der Seite Russlands teilnahm. Im Jahre 1741 wurde er Generalleutenant und diente danach zwei Jahre als Generalgouverneur Finnlands. Seine Verdienste wurden von beiden Seiten hochgeschätzt: im Jahre 1744 bekam er vom schwedischen König den Titel des Freiherrn und von der russischen Kaiserin zwei Güter in Livland. B. (I) von Campenhausen ist 1758 in St Petrsburg gestorben (Vegesack 1960: 14–17, 28, 30, 31, 34, 93, 94, 103).

Balthaser (I) von Campenhausen war zwei mal verheiratet und von den beiden Ehen hatte er drei Söhne und zwei Töhter - ingesamt 10 Kinder. Das jüngste Kind Balthasar (II) Freiherr von Campenhausen war am 9. Dezember (28. XI) 1745 auf dem Hauptgut der Familie - Orellen (Unguru) geboren. Diesen Landsitz, der sich 10 Km nordostlich von Cesis (Wenden) befindet, hatte sein Vater sich im Jahre 1728 angeeignet.

  1. (II) von Campenhausen studierte an den Universitäten Helmstedt, Halle und Leipzig Kameralwissenschaften, Jura und Mathematik (1761 - 1767), danach reiste er in Holland, England und Frankreich. Von 1767 bis 1777 stand er im Militärdienst des Gothaschen Herzogs und wurde Oberst (Lenz 1970: 140). Im Jahre 1767 heiratete er die Gutsbesitzertochter Sophie Eleonore Woldeck von Arneburg (1744 - 1791) aus der Altmark (Neusschäffer 1991: 53–54).

Zurück in der Heimat, wurde Campenhausen livländischer Landrat (1777), später zugleich Oberkirchenvorsteher des Kreises Wenden (1778), Assessor des Hofgerichtes (1779) und Direktor des livländischen Kameralhofes (Lenz 1970: 140; Neuschäffer 1991: 52). Im Jahre 1783 wurde Campenhausen aus Riga nach Saaremaa (Ösel) geschickt und bald zum Vizegouverneur Livlands ernannt. Seine Aufgabe war die Arbeit der Landrevisionskommission zu führen, aber im Laufe von 14 Jahren auf Saaremaa konnte er neben dem Hauptamt sich mit verschiedenen nutzbringenden Dingen zu fassen.

Die Zeitgenossen charakterisierten Campenhausen als einen geistvollen, geraden, ehrenhaften und klugen Edelmann, der selbst sehr ordentlich war und das von allen Untergeordneten verlangte. Eine besondere Befähigung zeigte er als Jurist. Von der Geistesrichtung war er ein Verehrer der französischen Kultur und Sprache, was für alle damaligen Befürworter "der aufgeklärten Monarchie" charakteristisch war. Ein öselscher Amateurhistoriker der nächsten Generation, Landmarschall Peter von Buxhoeweden (1787 – 1841) hat geschrieben: "Er bildete einen kleinen Hof, dem es auch an Interiguen jeder Art nicht fehlte und mit der gleisenden französischen Sprache, die er sehr liebte und beförderte, drängte sich gleisende französische Sitte und Moral in dies Land, wo strenge Ehrbarkeit seither geherrscht" (Buxhöwden 1838: 236).

Merklich mehr reserviert äussert sich der Sohn der Urgrossenkelin Campenhausens, Literat Siegfried von Vegesack. Seiner Ansicht nach war er ein zu kalter Rationalist, "ein Mann der Prinzipien, an denen er mit unerbittlicher Pedanterie festhält" (Vegesack 1960: 140). Das Porträt des berühmten Vorfahren hatte ihn in der Kindheit mehrmals erschreckt.

Also, im Jahre 1783 kam Balthasar (II) Freiherr von Campenhausen auf Saaremaa an und "hatte sich die Aufgabe gestellt, es in einen regelmässigen Garten zu verwandeln", wie P. von Buxhoeweden etwas überfliessend sich äusserte (Buxhoeweden 1838: 236). Aus welchem Grunde eigentlich war ein so wichtiger Staatsbeamte auf die Insel gekommen?

Im Jahre 1765 wurde die zeitweilige provinzielle Selbständigkeit Saaremaa von Keiserin Katarina II aufgehoben und der Landkreis wurde wieder dem Generalgouverneur in Riga unterstellt. Zur Regelung der örtlichen Agrarbeziehungen, die sehr kompliziert und zerfallen waren, wurde zu derselben Zeit eine spezielle Revisionskommission gegründet. Die Arbeit dieser Kommission machte keine Fortschritte: im Jahre 1782 hatte noch kein Dorf auf Saaremaa seinen Grundbesitz reguliert. Die entscheidende Wendung wurde im Jahre 1783 mit Einführung der Statthalterschaftverfassung eingeleitet, deren weitreichende Zweck die engere Anbindung der Baltischen Gouvernements mit Russland und die Beschränkung der Selbstverwaltung des Adels war. Ein positives Ergebnis dieses Reforms für Saaremaa war schnelles Vorwärtskommen der Landesregulierung, vor allem Dank der energischen Tätigkeit Campenhausens (s. auch Saaremaa 1934: 318, 331). Formal beendete die Revisionskommission im Jahre 1789 ihre Tätigkeit, aber die Landesregulierung wurde fortgesetzt. Dafür wurde beim livländischen Kameralhof eine spezielle, die sogenannte Campenhausensche Kanzlei gegründet (Rand 1993: 65).

Als Vorsitzender der Revisionskommission führte Campenhausen eine zweckmässige Methode zum Schätzen des Landes ein und begann mit dem Austausch der Länder zwischen den Grundbesitzern. In dieser Zeit bestanden die Güter auf Saaremaa aus bis 200 einzelnen Grundstücken, das Gut Pidula (Piddul) sogar aus 537 Grundstücken. Deswegen betrafen noch im Jahre 1784 Grenzstreitigkeiten auf Saaremaa die Hälfe aller Prozesse des livländischen Hofgerichtes und hinderten die Entwicklung im Ackerbau. Und deshalb wurde jetzt das Ziel gesetzt, jedem Gutshof möglichtst festgelegte Grenze zu geben. Bis zum Jahre 1797 hatten sieben Kirchspiele ihre genau festgestellten Grundstücke. Nach der Abberufung Campenhausens aus Saaremaaa (1797) wurden die Arbeiten fortgesetzt und im Jahre 1804 waren alle Privat- und Kronsgüter begrifflich bestimmt. Früher bestanden die 75 Privatgüter auf Saaremaa aus 20 257 zestreut liegenden Stücken, jetzt aber aus 173 Grundstücken (Körber 1887: 122, 184; Saaremaa 1934: 329–331).

Mit den Campenhausenschen Agrarreformen stand forstwirtschaftliche Wirksamkeit im engen Zusammenhang. Kurz kann man behaupten, dass mit seinem "Forst-Instruction für sämtliche publique Wald-Förster des Herzogthums Liefland und der Province Oesel" (1782) und praktischen forstwirtschaftlichen Arbeiten auf der Halbinsel Sõrve (Sworbe) war er der Gründer der modernen Forsteinrichtung (Meikar 1985).

Bemerkenswerte Erfolge hatte der Vizegouverneur auch im Gebiet der Melioration erzielt. Schon im Jahre 1769 wurde zur Verfügung der Revisionskommission ein spezieller Bestand für die Bodensverbessererung - sog. Meliorationsmagazin abgegeben, welches 574 Goldrubel, 1 256,25 Scheffel Roggen und 775 Scheffel Gersten ausmachte. In seiner Vorstellung an den livländischen Kameralhof im Jahre 1797 hat Campenhausen geschreiben, dass in "seiner" Zeit für die Mittel des Meliorationsmagazins "alle Moräste mit Kanälen durchzogen, und ganze Strecken im Gebräch, und daher ganz ungenutzt liegende Heuländer ausgeröhdet, und zu brauchbaren Heuschlägen umgeschaffen waren" (nach Luce 1805: 78). Leider muss mann sagen, dass seine Errungenschaften als Meliorator hat Campenhausen aufgebauscht und wahrscheinlich hat J. W. L. von Luce Recht, wenn er 18 Jahre später schreibt, dass nur einige Hauptmoräste ausgetrocknet wurden und ausserdem sind die damals gemachten Gräben schon zusammengefallen und verschlammt (Luce 1805: 84).

B. von Campenhausen hatte sich auch in der Entwicklung des Kreditsystems Verdienste erworben. Schon in den 1760er Jahren wurden auf Saaremaa drei Magazine gegründet, die den notleidenden Kronsbauern das Korn ausleihen sollten. Im Jahre 1793 machte Campenhausen dem Generalgouverneur Repnin einen Vorschlag, ein Teil des Magazingetreides zu verkaufen und mit daraus bekommenen Geld eine spezielle Bank für die Unterstützung der Kronsbauern einzurichten. So wurde auch gemacht und die entstehende Kapital - 11 706 Rubel - wurde unter die Beherrschung des Vizegouverneurs gegeben. Nach der Abreise von Campenhausen wurde dieser Fond der Öselschen Ökonomieverwaltung untergeordnet und zum Jahr 1814 hatte sich davon eine Bauernbank ausgebildet. So kann man Campenhausen auch den Vater des öselschen Bankwesens nennen (Luce 1805: 73-75; Saaremaa 1934: 331).

Mit grosser Aufmerksamkeit beschäftigte sich der Vizegouverneur mit der Entwicklung des Transport- und Postwesens. Er liess die Landstrassen aus Kuressaare bis Kuivastu, Soela, Kihelkonna und Sääre ausbauen und viele örtliche Wege, deren Breite bis zu 2,5 Faden erreichte. Die Landstrasse von Kuressaare bis Kuivastu wurde mit 77 eindrucksvollen Werstpfosten versehen; einige von ihnen schmücken heute den Schlosshof in Kuressaare. Zum ersten Mal wurde eine allgemeine Postordnung auf Saaremaa eingeführt: einmal in der Woche wurde Post in jedes Kirchspiel ausgetraten (Körber 1887: 124-126).

Sehr hoch schätzt der Begründer des öselschen Landhospitals Johann von Luce den Anteil von Campenhausen in dieser Unternehmung. Schon jahrhundertlang existierte formell eine Stiftung zugunsten von Kranken und für die Gründung eines Hospitals, deren Kapital sich von einen Teil der Einkommen der Pastoratsländer einlaufen sollte. Aber inhaltlich war die Funktion dieser sog. Hospitalländer ganz in Vergessenheit geraten, bis Landesregulierungskommission Dank Campenhausen diese Länder von den Pastoratsländer geschieden hatte und ein spezielles "Hospitalgut" Laadjala (Ladjall) mit der Grösse 10 Revisionshaken bildete. Campenhausen liess Pachtgut auktionieren, aber weil niemand sich meldete, nahm er Ladjall für 400 Silberrubel jährlich selbst in Arrende. Im Jahre 1798 hat auch die Ritterschaft die Einkünfte des Gutes Laadjala für das Hospitalkapital bescheinigt. Am 21. November 1799 wurde Luce zum Kurator des Landhospitals und die Vorbereitungen für das Bauen des Krankenhauses auf das Eiland Tori konnten beginnen (Luce 1805: 27–30).

In der "Campenhausenschen Zeit" veränderte sich radikal das bisher sehr ungeordnete Aussehen der Stadt Kuressaare (Arensgurg). Die seit dem Nordischen Krieg leerstehenden Grundstücke wurden geordnet und gesäubert, die feuergefährliche Stroh- und Schilfdächer durch Ziegeldächer ausgetauscht, ein Teil der Strassen wurde begradigt und mit Pflastersteinen angefüllt, die Strassen wurden mit Namen bezeichnet und auch beleuchtet, in grosser Anzahl wurden Steinzäune gebaut, ein erstes Gasthaus wurde eröffnet (Allik 1985: 172; Saaremaa 1934: 821–822). Die Ordnung in der Stadt hatte sich verbessert, so, dass in "einem Jahrzehnt nur zwei Diebstäle vorkamen: 3 silberne Löffel und ein auf dem Zaun ausgehängter Damenrock von Piquet" (Körber 1887: 130).

Die grösste Veränderung im Aussehen der Stadt waren aber zahlreiche neue Wohngebäude der Adligen: Dank den verschiedenen kulturellen Aktivitäten Campenhausens war es nun im Winter mehr interessanter und lustiger in der Stadt zu wohnen als in den Gutshöfen. Gerade in diesen Jahrzehnten wurde zur Berühmtheit von Kuressaare als "einer Perle unter der klassizistischen Kleinstädte der baltischen Länder" Grund gelegt. Das grösste Gebäude dieses Zeitalters war die orthodoxe Nikolai-Kirche (1790).

Der Statthalter selbst besaβ in Kuressaare drei Grundstόcke. Auf ein von deren, in der Priestergasse wurde im Jahr 1785 Residenz von Campenhausen erbaut (Körber 1887: 136; heute Turu-Str. 2, stark umgebaut). Derselbe M. Körber aber schrieb 50 Seiten weiter, dass Campenhausensches Haus "an der Kreuzungstelle der Kirchen- mit der Komandantenstrasse" erbaut wurde (Körber 1887: 184), obwohl auf der Stadtkarte vom Jahr 1792 kann man dort noch kein Haus zu sehen ist. Dieses schöne Gebäude wurde wahrscheinlich erst im Anfang des 19. Jh. vom Hofrat M. von Stackelberg gebaut.

Wie schon gesagt, war B. von Campenhausen unter anderem als ein aktiver Organisator des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens bekannt. Im Herbst 1785 begannen sich die Mitglieder des Männerklubs donnerstags im Hause Campenhausens zu versammeln. Seit dem Jahre 1786 fanden da mittwochs Veranstaltungen des Tanzklubs statt, auch Bälle, Assemblees, Diners, Hochzeiten, Maskenbälle und andere Feste. Im Jahre 1787 wurde das sog. Schultheater von Campenhausen gegründet, das mit Schauspielen im Rathaus auftrat. Im Rathaus fanden auch Konzerte der musikalischen Liebhabergesellschaft und ihrer Gäste, der professionellen Musiker, statt. Im Jahre 1785 wurde ein Leserzirkel gebildet und im Jahre 1791 die erste öffentliche Bibliothek eröffnet (Körber 1887: 186–189; Saaremaa 1934: 236–237).

Campenhausen hat sich auch um die Verbesserung der Schulbildung grosse Verdienste erworben. Aus seinem Antrieb wurde im Jahre 1784 vom Generalgouverneur die Verordnung zur Förderung der Volksbildung erlassen. Diese wurde aber meistens nicht in die Tat umgesetzt. Doch organisierte der Vizegouverneur anstatt der armseligen Zweiklassenschule eine fünfklassige öffentliche Lehranstalt, die im Jahre 1788 Hauptvolksschule benannt wurde. In der höchsten Klasse, die zu einer Gymnasiumklasse wurde, konnten die Jugendlichen, die die Universität beziehen oder in die Kriegsschule eintreten wollten, gute gründliche Kenntnisse erwerben. Diese Schule wurde im Jahre 1804 in die Adlige Kreisschule umgewandelt und ist ein Vorgänger des heutigen Gymnasiums (Körber 1887: 174-175; Laul 1989: 256).

Und noch in einem Gebiet war Campenhausen ein Bahnbrecher - das ist Journalistik. Nämlich wurde von ihm schon im Jahre 1785 die handschriftliche Zeitung "Ahrensburgische Wochen- oder Intelligenzblätter"herausgegeben, von der in jedes Kirchspiel ein Exemplar geschickt wurde. Die Zeitung bestand aus drei Teilen: Preise und Geldkurs, obrigkeitliche und private Bekanntmachungen, Nachrichten. In der Zeitung gab es einzelne Nachrichten vom Ausland, dominierend waren aber lokale gesellschaftliche Ereignisse, ankommende und abreisende Gäste, Familienangelegenheiten, Beförderungen im Amte und Prämierungen (Körber 1887: 130-132 u.a.). Obwohl es sich nicht um eine Zeitug im gegenwärtigen Sinn handelte, lieber um ein informatorisches Rundschreiben, kann man es doch für einen Keim unserer Periodik halten.

Aber der Gedankenflug des Vizegouverneurs war noch schwunghafter: sogar die Begründung einer öselschen Zeitschrift hatte er für ganz real gehalten. Sein Gesinnungsgenosse, bekannter Literat und Pastor zu Karja (Karris) Fr. W. von Willmann (1746 - 1819) hat in einer Nummer der "Wochenblätter" geschrieben: "Einige meiner Freunde und ich wollen da ein Buch herausgeben, das eine Quartalschrift sein soll. Es hat uns freilich niemand darum gebeten, aber wir fühlen denselben Beruf, wie bishero alle Journalisten, in uns, das ungeheure Heer der Journäle durch unseres zu vergrössern. Doch wir sollen ankündigen und nicht uns entschuldigen, denn unser Journal wird doch ebenso gut sein, wie manches andere, das aus andern Journälen ganz ausgeschrieben ist" (Körber 1887: 139–140). Die Quartalausgabe mit dem universellen Inhalt sollte den Titel "Nordischer Mischmasch" bekommen und jedes Mal 12 – 14 Bogen enthalten. M. Körber schliesst nicht aus, dass einige Nummern sogar erscheinen konnten, aber leider wissen wir bisher darüber nichts. Körber resümiert dieses Thema: "…dass aber überhaupt die Idee zur Herausgabe des "Nordischen Mischmasch" in dem damaligen Oesel auftauchen konnte, dürfte ein Zeugniss mehr sein für den frischen Hauch, der durch Campenhausen und wol auch noch durch einen andern in Oesel 1778 eingewanderten Mann in die dumpfe Atmosphäre "des baltischen Thule" hineindrang…" (Körber 1887: 140).

Die Tätigkeit B. von Campenhausens muss man natürlich im Kontext damaliger zaristischen Politik bewerten. Er war ein Reformator und das Ziel seiner Reformen war, die Wirtschaftslage der Bauern zu verbessern und sie vor Mutwillen der Gutsherren zu schützen. Es gab aber sehr wenig Nutzen, denn mit Regulierung der Ländereien wurde die Wirtschaftslage der Bauern oft sogar schwieriger; im Laufe der Reform musste manchmal das ganze Dorf umziehen. Wir halten von der kulturellen Tätigkeit des Vizegouverneurs viel, dürfen aber nicht vergessen, dass all diese Reformen in erster Linie zugunsten der Spitzen der Gesellschaft waren. Aber ohne Zwefel ist die Tätigkeit von Campenhausen überwiegend positiv.Das Leben wurde an einem so abgelegenen Ort wie Saaremaa durch seine Tätigkeit erneuert. Offensichtlich war er in hohem Masse ein Anreger "des Zeitalters der öselschen Aufklärung", dessen Tätigkeit auch den hervorragendsten Vertreter dieses Zeitalters - J. W. L. von Luce inspirierte. In Luces Zeit gestaltete Saaremaa (Ösel) sich für eine kurze Zeitspanne sogar zum Zentrum des Geisteslebens des ganzen Estlands.

Es ist bemerkenswert, dass auch die Öselsche Ritterschaft die Fortschritte Campenhausens anerkannte, obwohl ein Zweck seiner Tätigkeit ja gewisse Beschränkung ihrer Macht gewesen war. Dessenungeachtet wurde ihm auf der gemeinsamen Sitzung der Landräte und des Adelskonvents am 23. Juli 1797 für "erwiesenen Gütigkeiten" Dank ausgesprochen und einen Vorschlag gemacht ihn in die öselsche Adelsmatrikkel einzutragen (Poll 1993: 30).

Für seine Verdienste wurde B. von Campenhausen im Jahre 1793 Ritter des Vladimir-Ordens IV Klasse und im Jahre 1796 Geheimrat. Nachdem er Saaremaa verlassen hatte, arbeitete er sieben Wochen als Zivilgouverneur von Livland, danach wurde er Senator und Mitglied der Kodifikationskommission für eine russische Gesetzreform in St. Petersburg. Balthasar (II) Freiherr von Campenhausen ist am 24. (12.) Juni 1800 auf der Insel Muhu (Moon) auf dem Gut Pädaste (Peddast) gestorben, während seiner Dienstreise nach Saaremaa (Lenz 1970: 140). Er wurde in die Familienkapelle auf dem Gut Unguru begraben (Vegesack 1960: 151).

Balthasar (II) und Sophie von Campenhausen hatten vier Söhne und drei Töchter. Der älteste Sohn Balthasar (III) Freiherr von Campenhausen (1772 - 1823) wurde Reichskontrolleur Russlands und Mitglied des Reichsrates. Sein Bruder Hermann (1773 - 1836) bewirtschaftete das Gut Orellen und heiratete Gräfin Keyserling. Der dritte Sohn Christoph (1780 - 1841) war ein Mitglied des Oberkonsistoriums in St. Petersburg und hatte 11 Kinder, unter denen viele höhere Beamter und Offiziere; seine Tochter Leocadie aber verheiratete sich mit dem einzigen Sohn des Feldmarschalls M. A. Barclay de Tolly - Magnus. "Gute Partien" hatten auch die Töchter "unseres Campenhausens" gemacht: Sophie (1776 - 1837) verehelichte sich mit dem Mecklenburgischen Reichsminister L. von Plessen, Charlotte (1778 –1831) mit dem Gouverneur Estlands G. von Budberg. Unter der Nachkommenschaft des "öselschen" Campenhausen gibt es bis heute viele hervorragende Persönlichkeiten.

 

Literatur

Allik, A. Pilguheit Kingissepa ajaloole. - Kingissepa rajoonis. Tallinn, 1985, 168-175.

Buxhoeweden, P. W. Beiträge zur Geschichte der Provinz Oesell. Riga-Leipzig, 1838.

K[örber], M. Oesel einst und jetzt. Erster Band. Arensburg, 1887.

Laul, E. (Red.) Eesti kooli ajalugu I. Tallinn, 1989.

Lenz, W. (Hrsg.) Deutschbaltisches biographisches Lexikon 1710 - 1960. Köln-Wien, 1970.

Luce, J. W. L. Beschreibung der wohlthätigen Anstalten in der Provinz Oesel. Riga, 1805.

Meikar, T. Saaremaa - riikliku metsamajanduse häll Eestis. - Eesti Loodus, 1985, 11, 742-745.

Neuschäffer, H. Kleine Wald- und Forstgeschichte des Baltikums. Lettland und Estland. Bonn, 1991.

Poll, O. (Hrsg.) Oeselsche Ritterschaft. Ritterschafts-Protokolle 1699 - 1920. [Frankfurt (Main)] 1913.

Rand, J. Kuressaare linna asustus 1780. aastatel kuni 1820. aastateni. Tartu, 1993. Käsikiri / Manuskript.

Saaremaa. Maateaduslik, majanduslik ja ajalooline kirjeldus. Tartu, 1934.

Vegesack, S. Vorfahren und Nachkommen. Erste Auflage. Heilbronn, 1960.